Prof. Dr. Friedrich Ch. Horn: Beinlängendifferenzen - Ursachen und deren Bestimmung aus
der Sicht der Dynamischen Wirbelsäulen-Therapie
Iliosacralgelenke, Beckenstellung und funktionelle Beinlängendifferenzen
Zusammenfassung:
Der Bezug der Beine als tragende und bewegende Säulen für das Becken als Basis
der Wirbelsäule und des gesamten Rumpf- und Kopfbereiches ist wichtig.
Da es sowohl durch anatomische wie auch durch funktionelle Faktoren zu
Längendifferenzen zwischen rechtem und linkem Becken-Beinlager (Hüftgelenke) und
der Standfläche bzw. der Kreuzbeinbasis kommen kann, müssen diese unterschieden
werden mit ebenfalls unterschiedlicher Behandlungskonsequenz.
Dazu sind objektivierende und differenzierende Befunde, die funktionelle bzw.
weiterlaufende Ausweichaktionen ausschließen, zu suchen und anzuwenden, die hier
aus der Sichtweise der Dynamischen Wirbelsäulen-Therapie dargestellt werden.
Schlüsselworte:
Standlängendifferenz, anatomische Beinlängendifferenz, funktionelle/variable
Beinlängendifferenz, Iliosacralgelenke, Beckenverwringung,
Iliosacralgelenks-Anteversionsstellung/Retroversionsstellung
Allgemeines
Es scheint nirgends im Bereich der physikalischen Therapie und deren
orthopädischer Zuweisungsinstitutionen eine solche Begriffsunterschiedlichkeit zu
herrschen wie beim Thema Beinlängendifferenzen. Dies trifft sowohl zu auf die
Sichtweise der biomechanischen Gegebenheiten wie auch auf deren Befundung.
Etwa die Hälfte der Menschen haben tatsächlich anatomisch gleich lange Beine (es
verwundert, ob deren Länge), betrachtet man die Strecke vom Oberschenkelkopf bis
zu der Aufstandsfläche des distalen Calcaneus. Oft wird jedoch eine
Beinlängendifferenz beobachtet und befundet, die nichts mit einer anatomischen
Längendifferenz der Beine zu tun hat, sondern eine sogenannte ,funktionelle" oder
,variable" Beinlängendifferenz ist. Dabei sind, wie dies bei zahlreichen Menschen
vorliegend ist, nach einer Verschiebung aller drei großer Beckenknochen
gegeneinander - also der Hüftbeine und des Kreuzbeins - mit ursächlich primärer
oder reaktiver muskulärer und ligamentärer Fixierung, die Auflagepunkte des
Beckens auf den Hüftgelenken - und damit in deren Verhältnis zu den Beinen -
gegenüber der Basis des Kreuzbeines, welche die Wirbelsäule trägt, zu deren
Normalstellung abgewichen. Dadurch scheinen die Beine unterschiedlich lang zu
sein. Eine Differenz besteht dann zwar in der Funktion bei aufgerichteter
Gesamtbeckenstellung zwischen der Basis der Wirbelsäule und den Hüftgelenken in
der Sagittalebene, obwohl die Beine dabei anatomisch gleich lang sein können.
Eine solche funktionelle, also variable, Fehlstellung als Ursache für eine
scheinbare Beinlängendifferenz läßt sich u. a. bei der Dynamischen
Wirbelsäulen-Therapie passiv und reflektorisch, unter beständiger Mitarbeit des
Patienten durch dessen Durchführung der ihm bei dieser Therapie gelehrten
Übungen, langfristig meistens weitestgehend beheben und braucht bzw. darf somit
nicht durch Sohlenerhöhung ausgeglichen zu werden.
Ein Beinlängendifferenzausgleich bei einem einwandfrei befundeten anatomisch
kürzeren Bein muß jedoch immer erfolgen, möglichst schon bei geringen Differenzen
ab 4 mm, am besten über den ganzen Sohlenverlauf vom Fersen- bis zumindest zum
Zehengrundgelenksbereich, besser noch bis unter die Zehen verlaufend, um eine bei
den Steh- und Gehbelastungen gleiche Unterschenkelextensoren- und
-flexorenbelastung zu erreichen <siehe dazu 1.3.3.3>.
Da es sich in der Praxis zeigt, daß minimal auch unterschiedliche Breiten der
Gelenkspalten der Hüftgelenke, Knie und Sprunggelenke sowie - wenn vorliegend,
dann etwas ausgeprägter - unterschiedliche Radien der Beine wie z. B. beim Genu
valgum oder Genu varum, sowie verschiedene Lateralstellungen der Sprunggelenke
wie beim Klumpfuß (Pes equinovarus adductus) oder Knickfuß (Pes pronatus oder
valgus) bzw. bei Knick-Plattfuß (Pes planovalgus) mehr oder weniger geringe aber
doch beachtenswerte Längendifferenzen zwischen der Fußaufstandsfläche am Boden
und den proximalen Enden der Beine an den Hüftgelenken ergeben können, sollte m.
E. besser von ,Standlängendifferenzen" gesprochen werden.
1 Anatomische Standlängendifferenz
1.1 Anatomische Standlängendifferenz Begriffsbestimmung (vobis exceptis
Fußgewölbeausprägung)
Eine anatomische Beinlängen- bzw. Standlängendifferenz kann wachstumsbedingt oder
durch traumatische Einwirkung entstanden sein. Es besteht dabei eine
Seitendifferenz zwischen der linken und rechten Strecke von den Femurköpfen zur
jeweils seitgleichen Aufstandsfläche des Fußes. Diese wird bei der Dynamischen
Wirbelsäulen-Therapie als solche betrachtet, wenn sie morphologisch besteht durch
Distanzunterschiede zwischen linkem und rechtem Bein auf den beiden direkten
tangentialen Strecken jeweils vom Caput femoris zur homolateralen
Fußbelastungsfläche - letztere betrachtet zwischen den Procc. lateralis und
medialis tuberis calcanei, der Basis ossis metatarsalis IV und den Ossa
sesamoidea pedis -, wie z. B. einer unterschiedlichen Länge bzw. Winkelstellung
des Femurs, von Tibia und Fibula oder der Schenkelhälse zwischen linkem und
rechtem Bein, aber auch zur, wiederum veränderbaren, unterschiedlichen Ausprägung
der Fußlängs- und Quergewölbe mit unterschiedlichen Winkelstellungen im oberen
Sprunggelenk bzw. deren Anhebung oder Absenkung zueinander im Seitenvergleich
(verhältnismäßig selten zeigt sich eine anatomische Abweichung in den Ossa coxae
bezüglich des Abstands der Hüftgelenkspfannen zur Basis des Os sacrum eine
solche im Röntgenbild erkennbare Differenz ist meistens eine funktionelle
Verschiebung dieser großen Beckenknochen gegeneinander auf der sagittalen
Medianebene in der Symphyse über die transversale Hauptsache der
Iliosacralgelenke).
Diese biomechanisch am meisten die physiologische Auswertung von
Beinlängendifferenzen in die Funktionsbetrachtungsweise mit einbeziehende
Beurteilung - also die statische Länge der beiden Abstandsflächen des gesamten
Beckens zur Standfläche beim Stehen und Gehen - muß die funktionelle Verschiebung
der proximalen Beinlager (Hüftgelenke) in bezug zum Os sacrum, die bei den
meisten Patienten vorzuliegen scheint, bei der Befunderhebung berücksichtigen.
Sie ist, bei deren Vorhandensein, durch entsprechende therapeutische Maßnahmen
für den Betreffenden nachhaltig zu beheben.
Anatomische Beinlängendifferenz/Standlängendifferenz = Längendifferenz zwischen
den beiden tatsächlichen Standflächen eines Menschen zu den beiden
Hüftgelenksachsen unter Berücksichtigung dessen Stellung der Füße unter Belastung
auf der Standfläche und nicht gegeneinander nutierten und dabei in Gegenrichtung
zueinander uni- oder bilateral gegen das Kreuzbein fixierten Hüftbeinen.
1.2 Pathomechanik und Schmerzsymptomatik an den unteren Extremitäten bei
anatomischer Standlängendifferenz
Durch die vielfältigen funktionsbedingten Kompensationsmechanismen des Körpers
beim Stehen und Gehen unter einer bestehenden und nicht ausgeglichenen
anatomischen Standlängendifferenz kann diese Ursache für zahlreiche Beschwerden
sein. Die menschliche Bewegungssteuerung strebt einen Ausgleich von statischen
und funktionsstatischen seitendifferenten Asymmetrien im Gesamtbewegungssystem
durch mehr oder weniger ausgeprägte und unterschiedliche Ausgleichsmechanismen
an, die ihrerseits dann Überlastungen zur Folge haben können. Hier an dieser
Stelle wird nur auf solche der unteren Extremitäten eingegangen. Natürlich bauen
sich auch die Funktionsachsen und -ketten der Wirbelsäule einseitig ausgleichend
bei einer vorliegenden anatomischen Beinlängendifferenz auf, doch weisen diese,
bedingt noch durch andere Faktoren, so zahlreiche Varianten auf, daß dazu eigene
Abhandlungen nötig sind.
1.2.1 Pathomechanik und Schmerzsymptomatik am anatomisch längeren Bein
Bei einem anatomisch längeren Bein wird dieses in der Regel zur funktionellen
Längenkompensation beim Gehen mehr in Außenrotation bewegt als das gegenseitige,
wodurch es am längeren Bein zuerst am medialen Anteil des Kniegelenks zu
Reizzuständen durch die dadurch bedingte periostal-ligamentäre Überlastung im
Insertionsbereich der medialen Band- und Kapselstrukturen kommt (Ligg.
collaterale tibiale, meniscus med. und meniscopatellare, Retinaculum patellae
med., Tendi mm. sartorii, gracilis, semitendinosi [zusammen den Pes anserinus
superficialis bildend], semimembranosi [Pes anserinus profundus]). Die weitere
Folge davon ist auf dieser Seite ein einseitig kontrakterer Spannungszustand im
M. iliopsoas durch erwähnte Außenrotationsstellung des Femurs mit ebenfalls
längenkompensierender zunehmender Hüftflexionsstellung.
Die Außenrotation am längeren Bein bei der Gehbelastung bewirkt, daß der zusammen
mit dem gesamten Bein nach außen rotierte belastete Fuß in dessen Abrollphase
über die Achse des unteren Sprunggelenks vermehrt in eine Pronations- bzw.
Eversionsstellung kommt, über die der druckbelastete Fuß eine Valgusstellung in
Richtung Knickfuß einnimmt. Dadurch kommt es zur, wenn auch geringen,
Inferiorabsenkung der Tibia als minimale Längenkompensation im Sinne einer
pedal-funktionellen Stand- bzw. Gehaktionsdistanzverringerung am betreffenden
Bein, wodurch sich mit der Zeit auch zunehmend beim Patienten das Fußlängsgewölbe
absenkt hin zum Pes planovalgus. Bei einem solchen bewegungsfunktionellen
Ausgleichbestreben entgegen der Funktion eines anatomisch längeren Beins sind
zuerst Überbelastungsschmerzen am medialen Kniegelenk zu erwarten. Erst später
reagiert auch die Region der Lacuna musculorum femoris mit einem dem typischen
Schmerzbild bei einer Coxarthrose ähnlichen Leistenschmerz, bevor sich auch noch
am Unterschenkel im Bereich des mediale Malleolus ein entsprechender Dehn- bzw.
Überlastungs- und Übermüdungsscherz einstellt.
Trägt der Patient dazu noch zu enges Schuhwerk, so können sich
metatarsophalangeale Kompressionssymptome einstellen bis hin z. B. zum
Morton-Syndrom.
1.2.2 Pathomechanik und Schmerzsymptomatik am anatomisch kürzeren Bein
Entgegen den beschriebenen Folgen an einem anatomisch längeren Bein erfolgt eine
funktionelle Ausgleichkompensation am anatomisch kürzeren Bein dadurch, daß der
Fuß dieser Seite in den Abrollphasen beim Gehen mehr als jener der Gegenseite in
die Gehbewegungsrichtung gerichtet ist, also weitestgehend im rechten Winkel zur
Körperfrontalebene mit einer verstärkten Abrollbewegung des distalen Fußes im
Bereich der Metatarsophalangealgelenke, wodurch es dort häufig zu früh
einsetzenden Schmerzsensationen kommt. Das Fußlängsgewölbe ist hierbei meist
kräftiger ausgeprägt bei schwachem Quergewölbe einer Hohlfußstellung im Sinne
eines Pes excavatus bzw. arcuatus, häufig verbunden mit einer Varusstellung im
unteren Sprunggelenk.
Hierbei tritt zuerst ein Schmerz in den proximalen pedalen interphalangealen
Gelenken, bevorzugt in den Zehengrundgelenken I bis III, durch verstärkte
Zehendorsalextensionsstellung und -bewegung auf, wodurch die plantaren Bänder und
Kapselanteile dort einem unphysiologisch erhöhten Dehn- und Druckreiz ausgesetzt
sind. Später stellt sich dann auch oft noch eine periostale Reizung im dorsalen
Fußbereich ein beim Gebrauch entsprechend eng geschnürter Schuhe.
1.3 Bestimmung anatomischer Standlängen-/Beinlängendifferenzen
1.3.1 Methodisch biomechanische Fehler bei der Bestimmung von
Beinlängendifferenzen
Diese hier nur im Abriß erfolgten Ausführungen mögen vielleicht deutlich machen,
daß m. E. die im folgenden aufgeführten Methoden zur Bestimmung des
Längenverhältnisses der Beine nicht geeignet sind, diese nach biomechanischen
Gesichtspunkten auf die Patientenfunktion bezogen richtig zu erfassen.
1.3.1.1 Methode A: Stand des Probanden, unterlegen von unterschiedlich hohen
Brettchen o. ä. zur Beurteilung der Beckenneigung
Fehler a: Beurteilung der Standlängen der Beine, ohne dabei die Möglichkeit zu
haben, erkennen zu können, wie die proximalen Bein-Beckenlager
(Hüftgelenksachsen) in deren Verhältnis zueinander und somit zum Kreuzbein -
damit auch zum Becken - stehen = Nichtbeachtung funktioneller Ursachen für eine
Bein-Beckenstanddifferenz <siehe 2.1>.
Fehler b: Nicht mögliche Feinabstufung einer nötigen Differenzierung der
Längendifferenz in einzelnen Millimeterschritten.
Fehler c: Stark subjektive Beurteilung der seitlichen Höhenabweichung des
Beckens.
1.3.1.2 Methode B: Stand des Probanden, Messung mit der sog. ,Beckenwaage"
Die Beckenwaage ist eine Wasserwaage mit Scherenarmen zum Anlegen an gewünschten
Bezugspunkten am Becken bzw. den proximalen Anteilen der beiden majoren
Trochanteren. Diese Methode zeigt nur vage, daß bzw. ob eine Differenz zwischen
den Längen beider Beine (Standstrecken) zum jeweiligen Trochanter major femoris
und/oder von dort nochmals zur Beckenbasis besteht, ohne dabei aufzuzeigen, ob es
sich dabei um eine hüftbeinnutationsbedingte handelt (funktionelle
Stand-/Beinlängendifferenz) und ist m. E. nur übesichtsmäßig experimentell von
Interesse.
Fehler a: Bei der Auflage auf die beiden Cristae iliaca siehe den Fehler a von
Methode A <1.3.1.1>.
Fehler b: Zu hohe Unterschiedsmöglichkeit der bei der Anlage der Scherenarme
aufeinander geschobenen Hautfaltendicke auf den Beckenkämmen und u. U. an den
beiden majoren Trochanteren, wobei alleine schon dadurch sich das Bild einer
Höhendifferenz ergeben kann.
Fehler c: Siehe Fehler b der Methode A <1.3.1.1>.
1.3.1.3 Methode C: Röntgenbildbeurteilung einer a.-p.-Röntgenaufnahme des Beckens
am stehend aufgenommenen Patienten
Fehlermöglichkeit a: Beurteilung der Höhe beider Beckenkämme. Bei der häufig
vorliegenden (und zu therapierenden) Mobilitätsasymmetrie zwischen beiden
Iliosacralgelenken und den damit einhergehenden seitendifferent möglichen
Endstellungsräumen der Ossa coxae gegen das Os sacrum in Belastung, mit daraus
resultierender Höhenstellungsdifferenz der Kreuzbeinbasis bzw. deren
unterschiedlich sich damit darstellender Höhenprojektion der beiden Hüftbeine
zueinander und zu den Hüftgelenken, ergibt diese Betrachtung nur das Bild einer
Beckenstellung ,gerade" oder ,schief", ohne deren Ursache anatomischer oder
funktioneller Art definieren zu können <siehe 2.3.3>.
Fehlermöglichkeit b: Beurteilung einer lateralflektorischen Seitabweichung der
Lendenwirbelsäule.
Diese kann aus einer anatomischen Beinlängendifferenz, einer wie zuvor
beschriebenen Torsion der Hüftbeine gegeneinander um die Transversalachse über
das Os sacrum mit daraus resultierender funktioneller Bein-Beckenfehlstellung
(funktioneller Beinlängendifferenz) oder ausschließlich durch primäre
Muskelaktionsasymmetrien (muskuläre Dysbalancen) im Bereich der Lenden- bzw.
gesamten Wirbelsäule herrühren.
Richtig: Am allernähesten an die statisch-biomechanischen Gegebenheiten im Sinne
physikalischer Gesetzmäßigkeiten kommt die Beurteilung des Höhenabstandes der
beiden Femurköpfe zur Röntgenbildunterkante. Dabei ist es jedoch sehr bedeutsam,
daß der Untersuchte während der Anfertigung der Aufnahme mit seinem Kreuzbein
weitestgehend parallel zur Röntgenfilmebene und mit beiden Beinen/Füßen in
gleichem Innen- bzw. Außenrotations- und Abductionswinkel gestanden hat und der
Röntgenfilm auch exakt in die Passung der Filmcassette eingelegt war <siehe dazu
die Ausführungen zur möglichst exakten und reproduzierbar verwertbaren Methode
der Beinlängendifferenzbestimmung unter 1.3.2.4>.
1.3.1.4 Methode D: Beurteilung der Stellung beider Füße bzw. der medialen
Malleolen zueinander am Patienten in Bauch- oder Rückenlage
Fehler: Sowohl eventuell vorliegende Beckenverwringungen um die transversale
Achse wie auch einseitige lumbo- bzw. tharaco-pelvicale muskuläre Kontrakturen
mit möglicher unilateraler Beckenneigung um die Sagittalachse (z. B. einseitige
Anspannung des M. quadratus lumborum oder der Mm. psoas major et minor, der Mm.
iliocostalis lumborum und longissimus oder des M. obliquus ext. abdominis)
ergeben mit absoluter Sicherheit dabei das scheinbare Bild einer Längendifferenz
der Beine, ohne daß eine solche anatomisch gegeben sein muß, da hierbei das
Becken einseitig nach cranial ,eingezogen" wird.
1.3.1.5 Methode E: Der Untersuchte liegt in Rückenlage, die Fuß-und
Knöchelstellung zueinander wird in bezug zu deren Proximal-/Distalstellung,
nachfolgend deren Veränderung beim Aufsetzen des Probanden und nochmals in dessen
Sitzstellung, beurteilt.
Fehler: Entsprechend der Fehlerquelle wie bei der Methode D <1.3.1.4> muß die
dort angesprochene einseitige Muskelverspannungsmöglickeit natürlich auch in
diesem Fall als Ursache des Bildes einer Differenz der Beine angenommen werden
durch die mögliche Beckenrotation um die Sagittalachse und Longitudinale im
Verhältnis zum Rumpf. Bei der Aufsetzaktion und Sitzhaltung des Untersuchten
kommt es bei zahlreichen Patienten zu einer Bewegungs- bzw. Haltefunktion aus
einseitigen muskulären Aktionen der unter Methode D <1.3.1.4> erwähnten Muskeln,
wobei hierbei jedoch noch besonders die Aktivitäten der Mm. rectus abdom. et.
pyramidalis hinzukommen mit ihrem Einfluß auf Beckendrehungen sowie Seitneigungen
im bezug zum Rumpf und der gesamten Liege- und Sitzhaltung, die eine
Bein-Fußstellungsdifferenz in diesem Fall vortäuschen können.
Auch ist diese Methode m. E. nicht zur Iliosacralgelenks-Funktionsprüfung, zu der
sie immer wieder herangezogen wird, geeignet, da hierbei die allgemein bekannte
lendenwirbelsäulenbelastende Zugaktion der Mm. iliopsoas major et minor während
der ersten ca. 45°der Hüftbeugeaktion voll zur Wirkung kommt und das bei einem
damit untersuchten Patientengut, welches als besonders gefährdet anzusehen ist
für solche Überlastungsbeanspruchungen!
1.3.1.6 Methode F: Messung der Strecke vom Becken (entweder anterior von der
Spina iliaca anterior oder posterior von der Spina iliaca posterior) zum jeweils
homolateralen Fuß bzw. dem medialen Malleolus, vergleichend zur Gegenseite am
liegenden Patienten, egal ob in Bauch- oder Rückenlage
Fehler: Auch dabei wird eine, bei den meisten Patienten mehr oder weniger stark
ausgeprägte und sich auswirkende vorliegende Beckenverwringung, die zu
funktionellen Stellungsdifferenzen der Beine in bezug zur Beckenstellung führen
kann, nicht beachtet und führt so meist nicht zur exakt zu fordernden
mechanisch-anatomischen Aussage der hier angesprochenen Thematik.
1.3.1.7 Methode G: Messung der Strecke beidseits jeweils vom Trochanter major
femoris zu beiden Füßen bzw. den medialen Malleolen am liegenden Patienten, egal
ob in Bauch- oder Rückenlage
Fehlermöglichkeit a: Bei dieser Messung werden mögliche seitendifferente
Schenkelhalsanomalien, die jedoch verhältnismäßig wenig häufig vorliegen, aber
doch vorkommen können, nicht beachtet.
Fehlermöglichkeit b: Durch unterschiedlich im Trochanterbereich ausgeprägtes
Gewebe oder durch generell stark ausgebildetes Unterhautgewebe, z. B. bei
adipösen Patienten, können oft nicht beidseits die sich entsprechenden gleichen
Trochanterstrukturen für eine Messung reproduzierbar ertastet und als proximale
Meßbezugspunkte herangezogen werden.
Bedingt richtig: Es kann diese Art der Messung vor einer anatomisch-biomechanisch
relevanten Messung <unter 1.3.2.2 und 1.3.2.3 dargestellt> als vorläufige
,Trendmessung" wegen deren weitestgehend guter Längenerfassungsmöglichkeit beider
Beine - zumindest, bei exakter Meßdurchführung von den
Trochanter-major-Meßpunkten an deren markant scharf sich ertastbaren distalen
Anteilen bis zu den jeweils seitgleichen medialen Malleolen - betrachtet werden.
1.3.1.8 Methode H: Beurteilung einer a.-p.-Röntgenaufnahme des Beckens eines
liegenden Patienten, egal ob in Bauch- oder Rückenlage
Fehler: Daß von einer solcherart hergestellten Röntgenaufnahme keinerlei Aussage
getroffen werden kann bezüglich einer gesamten Beinlängendifferenz, auch wenn der
Patient mit beiden Beinen an einer definierten Quermarkierung angelegt gewesen
sein mag, ist offensichtlich und bedarf wohl keiner weiteren Erläuterung.
1.3.2 Anatomisch-biomechanisch reproduzierbare und aussagekräftige
Beinlängendifferenzerfassung
1.3.2.1 Vorläufige Übersichtsmessung zur Bestimmung anatomischer Bein- bzw.
Standlängen Messung A
Diese Messung kann zur vorläufigen Standlängenbestimmung herangezogen werden z.
B. vor einer solchen am Röntgenbild bzw. vor der möglichen Behebung einer
Becken-Torsionsfehlstellung, hat aber nur eine vorläufige Aussagekraft <siehe
dazu die Fehlerbeschreibung zur Methode G unter 1.3.1.7>. Dabei wird von jeweils
einem Trochanter major femoris, Pars distalis, zum homolateralen medialen
Malleolus, dorso-distaler Anteil, die betreffende Messung vorgenommen. Zu den
medialen Malleolen als distale Meßbezugspunkte wird dabei deshalb gemessen, da
diese jeweils als Teil der Tibia mit deren proximaler Gelenkfläche über das
Kniegelenk direkt mit dem Femur verbunden sind und es zu keiner linearen
Longitudinalverschiebung dazu kommt, wie das möglich ist über die Fibula zur
Tibia und damit zum Femur.
Technik:
Die beiden medialen Malleolen werden an einem beidseits gleich markanten Sulcus
an deren distal und posterior prominent gleichen Stellen markiert die Meßpunkte
müssen beidseits als gleich dominant befunden werden. Diese distalen
Meßbezugspunkte an den med. Malleolen werden beidseits in ihrem Lageverhältnis
zur Fußsohle mit einem für die Dynamische Wirbelsäulen-Therapie speziell
angefertigten Distanz- und Winkelmesser verglichen, um hierbei nicht auch
fehlerhafte Aussagen im Bezug zur Bein-/Standlänge durch seitendifferente
unterschiedliche Sprunggelenkswinkel (Varus- oder Valgusstellungen) zu treffen.
Die Trochanter major fem. werden beidseits an ebenfalls gleich tastbaren
Bezugspunkten, je einmal an deren superiorem und distalem Anteil, mit einer
Hautmarkierung gekennzeichnet, um zu überprüfen, ob auch hier gleiche Meßpunkte
beidseits auffindbar sind, oder ob sich nicht eventuell dort schon eine, auf
unterschiedliche Meßpunkte hinweisende, Längenabweichung der markierten
Hautstellen als Bezugspunkte ergibt, die zu Meßfehlern führen würden.
Von den inferioren Trochantermarkierungen gleicher ossärer Strukturen beidseits
wird daraufhin zu den mit einem dünnen Hautstift markierten erwähnten distalen
Meßbezugspunkten an den jeweiligen medialen Malleolen gemessen, wobei durch den
Oberschenkel des Therapeuten der betreffende Fuß auf jener Seite, auf der gerade
gemessen wird, in mittlerer Dorsalflexionshaltung und das Bein in einem
Neutralrotationswinkel gehalten wird, um Meßfehler durch unterschiedliche
seitendifferente Beinrotations- und Fußflexionsstellungen zu vermeiden. Es
interessieren nicht die Gesamtlängen der gemessenen Strecken, sondern nur deren
eventuelle Differenz zueinander.
Diese Messung läßt jedoch auf jeder Seite die Strecke vom Trochanter major fem.
zum Caput fem., und damit den Schenkelhals und den Kollodiaphysenwinkel, völlig
außer acht <siehe auch 1.3.1.6>!
So zu messen, wie eben beschrieben, hat nur einen Sinn, wenn jeder Troch. major
fem. gut und genau tastbar ist und stellt nur eine vorläufige, aber notwendige
Messung (Schenkelhalsanomalie!) im Vergleich zur Messung B <im folgenden unter
1.3.2.2 beschrieben> dar.
1.3.2.2 Übersichtsmessung zur Bestimmung der Standlängen unter Einbeziehung der
Oberschenkelhalsstellungen und eventueller Höhenunterschiede der Ossa coxae
Messung B
Wenn eine funktionelle Beckenfehlstellung behoben werden konnte - also nach der
Mobilisation immobiler Iliosacralgelenke und dem Beheben der dadurch möglichen
funktionellen Beckenfehlstellung durch Gegentorsion und damit Gegennutation
beider Hüftbeine gegeneinander bzw. gegen das Os sacrum um die Tansversale, wie
auch eventuell um die Sagittale - erfolgt bei der Dynamischen
Wirbelsäulen-Therapie die Beinlängenmessung zu deren Längenbestimmung unter
Einbeziehung eventuell möglicher Längendifferenzen durch eine Anomalie der
Schenkelhälse und jener der, allerdings sehr seltenen vorhanden zu sein
scheinenden, Längen- bzw. Höhendifferenz beider Hüftbeine zueinander.
Technik:
Der Proband liegt bei dieser Messung auf dem Bauch, damit immer wieder eine
Kontrolle der Stellung der großen Beckenknochen zueinander per Tastbefund durch
den Messenden erfolgen kann und eine zu Beginn der betreffenden Behandlungsserie
mit der Dynamischen Wirbelsäulen-Therapie häufig anzutreffende sowie sich immer
wieder einstellende Torsionsverschiebung der Ossa coxae gegeneinander bzw. gegen
das Os sacrum in die altgewohnte Fehlstellung sofort ertastbar ist.
Außerdem kann es bei einer solchen entsprechenden interpelvinen Fehlstellung - je
nach Bänderspannung und der diese unterstützenden Muskelaktionen - bei den
Bewegungen, die über das Becken laufen, während der Lagerveränderung aus der
Bauchlage zur Messung in der Rückenlage des Patienten (diese Bewegung läuft
ebenfalls zum Teil mit statischer und dynamischer Kraftanlenkung über das Becken)
nach einem entsprechenden Beckenbefund schon zu einer ersten Rückstellungsaktion
aus der therapeutisch korrigierten Beckenstellung heraus in die bisher
eingenommene Fehlstellung kommen. Beidseits wird bei dieser Messung von der Spina
iliaca posterior superior, von jeweils der Pars superior und Pars inferior aus,
zum seitgleichen medialen Malleolus als distalem Meßbezugspunkt <Bestimmung siehe
1.3.2.1, Absatz 2> die jeweilige Gesamtlänge gemessen und die daraus
resultierende eventuelle Längendifferenz bestimmt.
Durch dieses beschriebene Vorgehen ergibt sich ein weitestgehend genauer
Meßbefund bezüglich Bein-/Standlängendifferenzen, da bei achsen- und
funktionsnormalem Becken die gesamte Längendifferenz der Beine zum Becken auf
beiden Seiten zueinander im Bereich der kinetischen Basis der Wirbelsäule und
jener des Os sacrum bis zumindest zum Talotibialgelenk erfaßbar ist und so auch
eventuelle Anomalien im Collum-Diaphysenbereich im Vergleich zu dem Ergebnis der
vorher beschriebenen vorläufigen Übersichtsmessung A <siehe 1.3.2.1> von den
Trochanteren zu den Innenknöcheln auffallen.
2nd part...
1.3.2.3 Nebenbefund der Messung am Patienten bei der
Standlängendifferenzbestimmung als Verdachtshinweis auf eine Anomalie des Collum
femoris
Ergibt sich trotz erfolgter ,Beckenentwringung" durch das Beheben einseitiger
torsionsfixierender ligamentärer Iliosacralgelenksimmobilitäten, also nachdem die
beschriebene Beckenfehlstellung als Ursache einer funktionellen
Bein-/Standlängendifferenz behoben wurde, eine Differenz zwischen den
Längendifferenzmaßen der vorläufigen Übersichtsmessung (Messung A) - von den
beiden majoren Trochantern des Femurs als proximalen Meßbezugspunkten ausgehend
<siehe 1.3.2.1> - und der Übersichtsmessung zur Standlängendifferenzbestimmung
(Messung A) - von den Spinae iliaca superior zu den distalen Meßpunkten (med.
Malleolen) <siehe 1.3.2.2> -, so kann diese Längendifferenz (neben einem
Meßfehler, häufig vom Trochanter-major-Bezugspunkt ausgehend, meist verursacht
durch einen noch ungeübten ,Meßanfänger",) auf eine Schenkelhalsanomalie
hindeuten.
Ebenso kann sich ein Verdacht in dieser Richtung bereits ergeben, wenn bei dem
Vergleich dieser beiden soeben beschriebenen Meßstrecken zueinander vor der
Mobilisation von gegeneinander rotiert fixierten Iliosacralgelenken bei einer
solchen vorliegenden Beckenverwringung sich scheinbar gleiche Meßstrecken bei
beiden Messungen oder paradoxe Meßergebnisse zeigen. Dies trifft z. B. zu bei
einer Messung nach der Methode der vorläufigen anatomischen
Standlängendifferenzbestimmung (Messung A) im Vergleich zur Übersichtsmessung
(Messung B) bei einer Iliosacralgelenksimmobilität in Anteversionsstellung, wenn
das Bein bei der Messung B dabei kürzer erscheint (nach den mechanischen
Gesetzmäßigkeiten würde entgegen einem solchen Ergebnis eine funktionelle
Bein-Beckendistanzverlängerung erwähnter Iliosacralgelenks-Anteversionsstellung
zu erwarten <siehe 2.1.1 und Abb. 11>), oder wenn das Bein bei der Messung B im
Vergleich zur Messung A bei seitgleicher Iliosacralgelenks-Retroversionsstellung
länger erscheint <siehe 2.1.2 und Abb. 12>. Letzteres würde ein paradoxes
Meßergebnis zu dem biomechanisch eigentlich konträr dazu zu erwartenden Befund
darstellen, da das Hüftgelenk dieser Seite funktionell im Bezug zum Os sacrum und
damit zur Frontalebene des Beckens bei dieser Fehlstellung etwas nach cranial
verlagert ist und das Bein dieser Seite in bezug über das Becken zum
kontralateralen Bein länger erscheinen müßte. In solchen ,Verdachtsfällen" muß
darauf gedrängt werden, daß der Patient durch einen Orthopäden abklären läßt, ob
bzw. welche Anomalie am Schenkelhals vorliegt!
1.3.2.4 Standlängendifferenzbefund am Röntgenbild zur biomechanisch-statischen
Befundung der Standlängen der Beine Messung C
Dazu wird in Rücksprache mit dem verordnenden Arzt bei einem entsprechenden
Facharzt eine Röntgenaufnahme mit a.-p.-Strahlengang durch das Becken im Stand
angefertigt.
Der Patient steht dabei auf einem lotrecht mittig zur vertikalen Mitte des
Röntgenfilms liegenden Brettchen, das beide Füße bei gleicher Stellung der Fersen
in der Dorsalebene des Körpers bei ebenfalls beidseits gleicher definierter
leichter Außenrotation der Beine fixiert. Zudem wird darauf geachtet, daß keine
einseitigen reversibel fixierte unterschiedliche Beugewinkel der Knie- und
Hüftgelenke vom Patienten während der Anfertigung dieser Röntgenaufnahme
eingenommen werden, sondern die Kniegelenke hierbei maximal gestreckt sind und
sich die Dorsalfläche des Os sacrum parallel zur Röntgenfilmebene befindet, also
keine Torsion des Beckens um die Longitudinalachse gegen die Standfläche besteht
(eine gute Kontrolle dafür ist die Beurteilung der Abbildung auf dem Röntgenbild
der beiden Troch. minor femoris, da bei großen Becken- und auch einzelnen
Beintorsionswinkelabweichungen um die longitudinalen Achsen diese sich
unterschiedlich weit nach medial reichend darstellen).
Die Beinlängendifferenz wird auf dem so angefertigten Röntgenbild von dem jeweils
superioren Radius der Femurköpfe rechtwinkelig zu der Bildunterkante gemessen
(nicht von den Cristae iliaca ausgehend, da es hierbei wegen der Möglichkeit
komplexer Beckenfunktionsgeometrie zu möglichen Fehlbefunden kommen kann, die
sich bei einer einseitigen Iliosacralgelenkshyper- bzw. -hypomobilität mit der
Folge beschriebener einseitiger Höhen- bzw. Abstandsdifferenzen von den beiden
lateralen Anteilen der Kreuzbeinbasis oder projektionsbedingt von den
Beckenkämmen in deren Beziehung zu den Hüftgelenken ergeben können <siehe
1.3.1.3, Absatz 1, und Abb. 6>. Damit läßt sich die gesamte Strecke von der
Fußaufstandsfläche auf dem Boden zu den Femurköpfen erfassen, wobei beachtet
werden muß, daß bei der absolut exakten Standlängendifferenzbestimmung eventuelle
Fußlängs- und Quergewölbeabnormitäten per Fußabdruck erfaßt und durch
korrigierende orthopädische Einlagen ausgeglichen sein sollen (die
Röntgenaufnahme erfolgt dann mit angezogenen Schuhen, in welchen sich die
entsprechenden Einlagen befinden).
Durch diese Methode werden m. E. die genauestmöglichen Parameter für eine
auswertbare Aussage objektivierter und reproduzierbarer
Beinlängendifferenzbestimmung zur Verfügung gestellt!
1.3.3 Ausgleich einer anatomischen Standlängendifferenz
Wurde eine Differenz der anatomisch-morphologischen Strecken zwischen der
Standfläche und den Femurköpfen festgestellt, so erhält der Patient, wieder in
Zusammenarbeit mit dem verordnenden Arzt, einen vorübergehenden
Standlängenausgleich in Form einer Schuheinlage. Ein solcher Ausgleich sollte,
bevor er endgültig beschafft wird, am betreffenden Patienten vier bis sechs
Wochen lang erprobt werden, um eine Über- oder Unterkorrektur zu vermeiden. Dabei
wird der betreffende Patient mehrmals bezüglich der Effizienz der Durchführung
,seiner" individuellen Übungen aus dem Programm der Dynamischen
Wirbelsäulen-Therapie, die auf die funktionelle Beckenstatik und die Funktion der
LWS und BWS einwirken sollen, untersucht. Deckt sich nach dieser Zeit sowohl vom
Therapeuten der manuell-funktionsorientierte wie auch der ärztliche - eventuell
zusätzlich der neurologische und radiologische - Befund mit dem subjektiven
positiven Empfinden des Patienten, so sollte der so eruierte endgültige
Gesamtsohlenausgleich vom Arzt verordnet werden.
Es ist günstig, einen Sohlenausgleich herauszufinden, der dem Alter des Patienten
bzw. dem zeitlichen Abstand der Ursache der Längendifferenz entspricht (die Frage
ist dabei, ob diese seit Jugend, wachstumsbedingt, oder ab einem späteren Trauma
besteht). Dadurch wird verhindert, daß bei älteren Patienten, deren ossäre
Umstrukturierung besonders im Bereich der LWS als anatomische Kompensation
berücksichtigt werden muß, nicht ein ,Überausgleich" erfolgt bzw. beim
Jugendlichen eventuell versuchsweise kurzzeitig ein Zusatzwachstumsreiz gesetzt
werden kann.
Ein Beinlängen- bzw. Standlängendifferenzausgleich sollte, wie eingangs erwähnt,
bereits ab einer anatomischen Längenabweichung von ca. 4 Millimetern erfolgen.
Immer existieren Teilweise noch Ansichten, daß erst ab größeren
Beinlängendifferenzen ein Ausgleich nötig sei, doch in heutiger Zeit werden immer
mehr, auch von anderen Schulen bzw. Therapierichtungen, auch solche geringe
Beinlängendifferenzen beachtet und ausgeglichen.
Es kann also nicht beim alten Menschen die gesamte Beinlängendifferenz
ausgeglichen werden, im Gegensatz zum jungen oder dem im mittleren Alter
stehenden. Von meiner Seite gemachte Erfahrungswerte liegen bei der Bestimmung
des prozentualen und noch physiologischen Bein-/Standlängenausgleiches bei der
Dynamischen Wirbelsäulen-Therapie vor <siehe nachfolgend 1.3.3.1>.
1.3.3.1 Vorläufiger Probeausgleich einer anatomischen Standlängendifferenz
Dazu sollten zuerst normale Einlegesohlen bzw. leichte Formkeile in den
betreffenden Schuh eingelegt werden, wobei im letzteren Fall die
Winkelveränderung in dem Sprunggelenk des kürzeren Beines gegenüber dem Stand-
und Belastungswinkel des längeren Beines wegen der kurzen Erprobungszeit nicht
beachtet zu werden braucht <siehe 1.3.3.2>. Die Festlegung des therapeutisch
sinnvollen patientenindividuellen Ausgleichs sollte, bei ständiger Überwachung
der Beckenstatik, durch Ausprobieren der in Frage kommenden Ausgleichsstücke am
Patienten unter Beachtung von dessen Reaktionen in Zusammenarbeit zwischen dem
Therapeuten und dem Arzt gefunden werden.
Für die Höhe des Ausgleichs einer anatomischen Standlängendifferenz liegen
folgende Erfahrungswerte aus meiner Praxis mit der Dynamischen
Wirbelsäulen-Therapie vor, die dabei jedoch nur Anhaltspunkte sein sollen für ein
altersentsprechendes Vorgehen (auch hier gilt: ,Probieren geht über´s studieren":
Patienten bis ca.
18. bis ca. 25. Lebensjahr ca. 100% Differenzausgleich,
25. " " 40. " " 80% ",
40. " " 60. " " 60% ",
ab dem 60. Lebensjahr ca. 40% bis 50% ".
Ein solcher provisorischer Ausgleich wird nur ca. 6 bis 8 Wochen beibehalten. In
dieser Zeit muß der Patient die Einlagen immer und in jedem Schuh tragen und
durch Übungen konsequent seine eventuell (meist) vorliegenden
Beckenfehlstellungen in der Folge von Iliosacralgelenksfunktionen
gegenstabilisieren. Nach dieser Zeit läßt sich feststellen, welche Erhöhung die
für den jeweiligen Patienten die individuelle und somit optimale ist.
1.3.3.2 Vorläufiger Probeausgleich einer anatomischen Standlängendifferenz beim
Jugendlichen
Beim Jugendlichen kann zur Anregung eines verstärkten Wachstumsreizes eine
vorübergehende Übererhöhung mit einem Gesamtausgleich von ca. 120% erfolgen,
wodurch es zu einer höheren Druck- und Biegespannung in den Epiphysenbereichen
des betreffenden Beines kommt mit der häufig berechtigten - und in der Praxis
bestätigten - Hoffnung, durch den dadurch angeregten Stoffwechsel in Zeiten von
Wachstumsphasen ein vermehrtes Längenwachstum an diesem Bein zu provozieren.
Zusätzlich kann noch versucht werden, durch das Tragen eines Wolloder
Leinenstrumpfes während der Nachtruhe den Stoffwechsel dieses Beins anzuregen in
Folge des veränderten elektrischen Feldes, des Wärmerückstaues und des
mechanischen Hautreizes (nach überlieferten Erfahrungswerten einer
österreichischen Kinderklinik), wie auch versuchsweise Elektro- und
Magnetfeldtherapie zur Anwendung kommen kann (keine Ultraschallanwendung, da bei
dieser vermutet wird, daß die Ultraschalleinwirkung die Kalzifizierung und damit
die endgültige Aushärtung im Epihysenbereich fördern kann!).
Kommt es dann beim Jugendlichen längstens nach ca. 8 Wochen zu keinem vermehrten
Längenwachstum am kürzeren Bein, so sollte die Übererhöhung abgenommen und auf
einen lebenslänglichen 100%-Ausgleich bestanden werden!
In der maximal achtwöchigen Erprobungszeit des Längenausgleichs muß mindestens
jede zweite Woche bei dieser Patientengruppe die Beinlängensituation nachgemessen
werden um Überkorrekturen zu vermeiden, die sich vereinzelt, wenn auch in
geringem Maße, in der Praxis auch zeigten!
1.3.3.3 Endgültiger Ausgleich einer anatomischen Standlängendifferenz
Der endgültige Bein- bzw. Standlängenausgleich sollte sich über den gesamten
Sohlenbereich erstrecken, um eine, allerdings nur in der Bewegung relevante,
muskulär-reaktiv auftretende Muskelkettenasymmetrie im Bein- und reaktiv damit im
Wirbelsäulenbereich auszuschließen.
Eine Erhöhung nur im Fersenbereich bringt im Stand und bei Bewegung eine andere
Fußwinkelstellung des betreffenden Fußes zum Unterschenkel als sie auf der Seite
des nichterhöhten Beines bzw. Fußes besteht. Dabei kommt es zwar im Stand ohne
Belastung zum gewünschten Längenausgleich, bei der Stehbelastung und beim Gehen
oder Laufen führt dies jedoch zu einer völlig asymmetrischen Sprunggelenks- und
Beinmuskelbelastung beiderseits im Seitenvergleich. Die Folgen können dann nicht
nur eine Reihe von Fuß-, Knie- und Hüftgelenksbeschwerden sein, viel schlimmer
noch ist die durch die Asymmetrie der Muskeldynamik der Beine und dadurch
reflektorisch jener der gesamten Rumpfund Rückenmuskulatur ausgelöste und
initiierte Wirbelsäulenfehlbelastung und -haltung.
Es zeigte sich bei meinen transcutanen EMG-Messungen am M. errector spinae, daß
bei einer einseitigen Dorsalextension des Fußes, vermehrt noch bei einer damit
verbundenen Ober- und Unterschenkel-Innenrotation, es zu einer homolateralen
Tonuserhöhung im lumbosacralen Bereich und kontralateral zu einer solchen
Reaktion im Thoracolumbalbereich in diesem Muskelsystem kommt, wobei der Tonus
auf den betreffenden Gegenseiten nicht in diesem Maße ansteigt.
Auch läßt es sich auf diese Art nachweisen, daß es dazu analog konträr bei einer
Plantarflexion der Fußes, vermehrt noch bei einer zusätzlichen Ober- und
Unterschenkel-Außenrotation, zu einer kontralateralen Tonuserhöhung im Bereich
von L4-Sacrum und homolateral zu einer solchen im Bereich von etwa Th10 - L3 in
der autochtonen Rückenmuskulatur kommt, wobei die Muskelanspannung auf den
Gegenseiten ebenfalls nicht im selben Maße dazu ansteigt (dieses Prinzip wird
auch zur Korrektur asymmetrischer lateralflektorsicher Wirbelsäulenfehlhaltungen
und -dysfunktionen seitens der Dynamischen Wirbelsäulen-Therapie eingesetzt).
Diese scheinbare Gesetzmäßigkeit sollte der Anlaß dazu sein, erwähnten Ausgleich
im gesamten Sohlenbereich, nicht nur im Absatz-Fersenbereich, vorzunehmen, da es
sonst zu einer einseitigen Winkelabweichung der Sprunggelenke zueinander kommt
und somit bei Beinbelastungsbewegungen in den beschriebenen Bereichen die
erwähnten muskulären Dysbalancen die Folge sind!
2 Funktionelle Standlängendifferenz
2.1 Pathophysiologie und Biomechanik der funktionellen Beinlängendifferenz
2.1.1 Funktionelle Verlängerung der Standlänge
Es wird die Strecke von der Basis des Os sacrum zur Standfläche des Fußes
dysfunktionsbedingt größer und somit also im Vergleich zur Normalbeckenstellung
auf dieser Seite im Verhältnis zur Neutral-Null-Stellung und zu jener der
Gegenseite in der Funktion länger, auf welcher eine Iliosacralgelenks-Immobilität
mit einer ligamentär fixierten Anteversionsstellung des seitgleichen Os coxae
gegen das Os sacrum besteht durch die Verschiebung des Hüftgelenks mit dem Os
ischii nach posterior-distal (inferior).
Bei einer Rotation des Os ilium gegen das Os sacrum im Iliosacralgelenk nach
ventral wird das Hüftgelenk dabei also etwas nach dorsal-caudal zu seiner
Neutral-Null-Stellung in der Lage zur Wirbelsäulenbasis verschoben das Bein
wird in seiner Funktionsstellung zur Beckenbzw. Wirbelsäulenbasis im
Lageverhältnis zur Transversalebene ,länger".
2.1.2 Funktionelle Verkürzung der Standlänge
Die Strecke von der Basis des Os sacrum zur Standfläche des Fußes wird bei einer
Iliosacralgelenks-Dysfunktion geringer und somit also im Vergleich zur
Normalbeckenstellung auf der Seite im Verhältnis zur Neutral-Null-Stellung und zu
jener der Gegenseite kürzer, auf der eine Iliosacralgelenks-Immobilität in einer
ligamentär fixierten Retroversionsstellung des seitgleichen Os coxae gegen das Os
sacrum besteht. Dies ist bedingt durch die Verschiebung des Os ischii und der
Hüftgelenke nach anterior-proximal (superior). Rotiert also ein Os coxae um die
Transversalachse gegen das Os sacrum im Iliosacralgelenk nach dorsal, so wird die
Hüftgelenkspfanne mit dem Os ischii etwas nach ventral-cranial gegenüber seiner
Neutral-Null-Stellung verlagert und somit in der Funktion zur Kreuzbeinbasis in
bezug zur Frontalebene ,kürzer".
2.2 Schmerzsymptomatik bei der funktionellen Beinlängendifferenz
Beim Bestehen einer funktionellen Beinlängendifferenz kommt es, bezogen auf die
unteren Extremitäten, zu den gleichen peripheren Überlastungssymptomen, wie diese
unter 1.2 für die anatomische Beinlängendifferenz beschrieben wurden.
2.3 Befundung einer funktionellen Beinlängendifferenz
Wurde eine funktionelle Beckenfehlstellung durch eine einseitige
Iliosacralgelenks-Immobilität in einem der möglichen Endbewegungsräume im
Iliosacralgelenk um die Transversalachse - oder eine beidseitige Immobilität
dieser Gelenke in den jeweils entgegengesetzten Torsionsendbewegungsräumen -
befundet, so kann davon ausgegangen werden, daß durch die Abweichung des
betreffenden Hüftgelenks von dessen Neutral-Null-Stellung dessen Achsen in deren
bezug zur Kreuzbeinbasis nach superior bzw. inferior verschoben sind und deshalb
eine funktionelle Beinlängendifferenz vorliegt. Ein Meßbefund ist in einem
solchen Fall für die Therapie unerheblich, wird dieser jedoch trotzdem
ausgeführt, so kommt es zu folgenden Meßergebnissen:
2.3.1 Meßbefundung einer funktionellen Beinlängendifferenz bei einer
Iliosacralgelenks-Immobilität mit Anteversionsstellung des betreffenden Os coxae
zu dessen Neutral-Null-Stellung
Bei der Messung vom Becken zu den medialen Malleolen (Übersichtsmessung/Messung B
<siehe 1.3.2.2>) erscheint das Bein auf jener Seite in der Funktion länger im
Vergleich zur vorläufigen Übersichtsmessung (Messung A <siehe 1.3.2.1>), auf
welcher eine Iliosacralgelenks-Immobilität mit einer ligamentär fixierten
Anteversionsstellung des seitgleichen Os coxae gegen das Os sacrum besteht durch
die Verschiebung des betreffenden Hüftgelenks nach posterior-distal <siehe auch
2.1.1 und Abb. 11>.
2.3.2 Meßbefundung einer funktionellen Beinlängendifferenz bei einer
Iliosacralgelenks-Immobilität mit Retroversionsstellung des betreffenden Os coxae
zu dessen Neutral-Null-Stellung
Bei der Messung vom Becken zu den Fußinnenknöcheln (Übersichtsmessung/Messung B
<siehe 1.3.2.2>) scheint auf der Seite das Bein zum Becken in der Funktion kürzer
im Vergleich zur vorläufigen Übersichtsmessung (Messung A <siehe 1.3.2.1>), auf
welcher eine Iliosacralgelenks-Immobilität in einer ligamentär fixierten
Retroversionsstellung des seitgleichen Os coxae gegen das Os sacrum besteht durch
die Verschiebung der Hüftgelenksmittelachse nach anterior-superior <siehe auch
2.1.2 und Abb. 12>.
2.3.3 Röntgenbefundung einer funktionellen Beinlängendifferenz
Bei einer a.-p.-Röntgenaufnahme mit stark aufgerichtetem Becken unter den
Voraussetzungen, wie diese unter 1.3.2.4 bei der Messung C bereits beschrieben
wurden, zeigt sich die Längendiskrepanz auf beiden Seiten der Strecken zwischen
einer anatomischen Beinlängendifferenz (Messung von den Femurköpfen zur
Röntgenbildunterkante) zu den Strecken des jeweils superioren und inferioren
Anteils der Crista iliaca posterior und/oder dem Cornu superior sacri ebenfalls
im Bezug zur Bildunterkante.
Auch hier zeigt sich die angegebene Strecke vom Sacrum bzw. den Ossa ilii im
Verhältnis zu der Strecke der Femurköpfe jeweils zur Bildunterkante länger, auf
welcher eine Iliosacralgelenks-Immobilität in einer ligamentär fixierten
Anteversionsstellung des seitgleichen Os coxae gegen das Os sacrum besteht bzw.
kürzer auf der Seite, auf der die Immobilität eines solchen Gelenkes mit einer
fixierten Retroversionsstellung des seitgleichen Os coxae gegen das Os sacrum
vorliegt.
2.3.4 Ausgleich und Therapie einer funktionellen Beinlängendifferenz
Natürlich darf bei einer solchen variablen Beinlängendifferenz kein Ausgleich
durch ,prothetische" Vergrößerung (Sohlenerhöhung) der Strecke Standfläche-Becken
am funktionell kürzeren Bein erfolgen, wie dies als Maßnahme bei einer
anatomischen Standlängendifferenz unter 1.3.3 beschrieben wurde.
Eine funktionelle Beinlängendifferenz ist durch befundspezifische Mobilisationen
unter gleichzeitiger andauernder Automobilisation des Patienten mit den ihm
gelehrten Übungen behebbar (das Vorgehen dazu ist Grundkursthema bei den Kursen
zur Dynamischen Wirbelsäulen-Therapie).
Literatur:
1 LEWIT Manuelle Medizin, München, 1984
2 WINKEL Nichtoperative Orthopädie, Stuttgart, 1992
3 KAPANDJI Anatomie der Gelenke, Stuttgart, 1992
4 MENELL Vol. II. the spinal collumn, London, 1952
5 HORN Biomechanische Grundlagenbetrachtungen zur Beckenstatik aus dem
Blickwinkel der Dynamischen Wirbelsäulen-Therapie, Physikalische
Therapie 1998
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Friedrich Ch. Horn
Begründer der Dynamischen Wirbelsäulen-Therapie
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