Grade: B.

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Published: Preliminary Version, June 2002

 

 

 

Lösungsorientierte Kurztherapie nach Steve de Shazer.

Wurzeln, Grundannahmen,

Methodik

 

 

Abschlussarbeit zur Erlangung des Grades MASTER OF ARTS (M.A.) am Psychology-Department der Cosmopolitan University Jefferson-City und Miami /USA

 

vorgelegt von

 

Dipl.Soz.Päd.(FH) Christa Steinhauser

Kuppel 1

D – 87452 Altusried

Germany

 

 

 

 

 

Wissenschaftliche Betreuung: Dr. phil. Rainer J. Wallerius, M.A., Professor (USA) am Psychology-Department der Cosmopolitan University Jefferson-City und Miami/USA
Lösungsorientierte Kurztherapie nach Steve de Shazer Wurzeln, Grundannahmen, Methodik

 

 

 

 

 

Gliederung

 

 

 

 

Einleitung

 

 

 

 

1.  Wurzeln

 

 

1.1.  Einflüsse auf seinen Ansatz

1.2.  Entwicklung und Arbeitsbedingungen am BFTC

 

 

 

 

2.  Worin unterscheidet sich de Shazer in seinen Grundgedanken von unserem europäischen theorieorientierten Ansatz?

 

 

2.1.  Herkömmliche theorieorientierte Ansätze

2.2.  Was ist bei de Shazer anders?

 

 

 

 

3.  Grundannahmen von de Shazer

 

 

Annahme Eins:     Zusammenhang zwischen Problem und Weltbild des Klienten

Annahme Zwei:    Festhalten des Klienten an der anfänglichen Überzeugung

─ Elemente des beklagten Sachverhalts

Annahme Drei:     Schon kleine Veränderungen können zur Lösung führen

─ Vom Entweder/Oder zum Sowohl/Als auch

Annahme Vier:                     Zusammenhang zwischen Veränderung und Realitätsauffassung des Klienten

Annahme Fünf:    Umdeutungen vorschlagen

Annahme Sechs:  Das systemische Konzept

4.  Methodik

 

 

4.1.  Kategorisierung des Klienten

4.2.  Das „Passen“ entwickeln

4.3.  Hausaufgaben und Standardaufgaben

4.4.  Ausnahmen

4.5.  Die Wunderfrage

 

 

 

 

5.  Gedanken zu de Shazers Ansatz

 

 

5.1.  Theoriebegriff

5.2.  Ergebnisorientierung

5.3.  Auswirkungen auf den Therapeuten

5.4.  Respekt vor dem Klienten und Mitarbeit

5.5.  Widerstand

5.6.  Helferrolle und Macht

5.7.  Wandel der Psychologie

5.8.  Ethik

 

 

 

 

Schlussbemerkung


 

Einleitung

 

 

 

 

Vor ca. vier Jahren stieß ich eher zufällig auf die lösungsorientierte Kurztherapie von Steve de Shazer. Sicherlich hatte ich schon früher im Rahmen von Fortbildungen im therapeutischen Bereich den Begriff Kurztherapie gehört. Nun hatte ich aber die Aufgabe eine Facharbeit zum Thema „Lösungsorientierte Kurztherapie nach Steve de Shazer“ zu schreiben

Nachdem sein Ansatz auch zu den systemischen Therapiemodellen zählt, habe ich mir die Ausarbeitung nicht besonders schwierig vorgestellt. Seit Jahren bin ich mit einigen systemischen Ansätzen in Theorie und Praxis vertraut. Doch es kam völlig anders als erwartet. De Shazers Therapiemodell machte mir große Mühe. Er stellte z.B. nicht nur mein gewohntes kausalistisches Denken, sondern auch die in den meisten Therapieansätzen vorkommenden Defizitkonzepte infrage.

 

Neugierig nahm ich die Herausforderung an, mich nicht nur in der erwähnten Facharbeit, sondern auch mit dieser Ausarbeitung einem Therapieansatz zu stellen, der einige Überlegungen beinhaltete, denen ich anfangs nicht oder nur schwer zustimmen konnte.

Doch es reizte mich eigene, gewohnte Gesichtspunkte zu überdenken.

Möglicherweise war der eine oder andere darunter, der zu schnell und zu bereitwillig übernommen und akzeptiert worden ist. Es könnte sich lohnen, verschiedene Gesichtspunkte einer Prüfung zu unterziehen.

 

De Shazers Bücher sind es wert gelesen zu werden, auch wenn einem vielleicht davon abgeraten wird, so wie es mir verschiedentlich passiert ist. Der Tenor der gutgemeinten „Warnungen“ war: Der Inhalt ist nahezu unverständlich, der Ansatz erscheint nicht besonders glaubwürdig.

Ich möchte nicht „warnen“, sondern ermutigen seine Bücher zu lesen. Besonders deshalb, weil er zu einer neunen und anderen Betrachtungsweise menschlicher Probleme und ihrer Bewältigung anregen kann. Er tut dies in einer erfrischenden und undogmatischen Haltung. Er liefert keine endgültigen Antworten sondern regt zur Neugierde und zum Hinterfragen von bereits bestehenden Therapiekonzepten an.

 

 

 

De Shazer unterscheidet bei seiner Beschreibung von Kurztherapie einmal

 

► Kurztherapie im Sinne einer zeitlich begrenzten Therapie und zum anderen

► Kurztherapie als einer Form der Bewältigung menschlicher Schwierigkeiten.

 

Zum ersten Punkt erwähnt de Shazer, dass die Bezeichnung Kurztherapie andeutet, dass sie sich von einer anderen Art der Therapie unterscheidet – von einer langfristigen Therapie. Welche zeitliche Begrenzung für die Kurztherapie relevant ist kann nicht eindeutig festgelegt werden. Z.B. Castelnuovo-Tedesco denkt bei dem Begriff an 10 – 25 Sitzungen.

Nach Meinung anderer können es auch 40 – 50 Sitzungen sein.

Andere wie Weakland, Watzlawick und Bodin bleiben innerhalb eines Limits von 10 Sitzungen.

De Shazer und sein Team hatten sich bezüglich der Zahl der Sitzungen kein Limit gesetzt. Ihre Devise war: So wenig wie möglich!

 

Zu Punkt zwei, Kurztherapie als einer Form der Bewältigung menschlicher Schwierigkeiten bemerkt de Shazer: Der Zugang zur Kurztherapie ist „das, was der Klient mitbringt, nutzen, um seine Bedürfnisse in der Weise zu erfüllen, dass er sein Leben zu seiner Zufriedenheit gestalten kann.“ (de Shazer, 1997, S. 23). Eingeschlossen werden muss, dass es nicht darum geht irgendwelche „kausalen zugrundeliegenden Fehlanpassungen“ zu korrigieren, denn dazu besteht keine Notwendigkeit.

 

Lösungsorientierte Kurztherapie bedeutet: Die Lösung steht im Brennpunkt. Die Erklärung für ein Problem ist primär nicht notwendig. Die Lösung beinhaltet die Erklärung. Sonst wäre sie keine Lösung.

 

 

So wie de Shazer keine genaue, zusammenhängende Definition für seinen Ansatz gibt so lässt er auch an anderen Stellen „Freiraum“ für Spekulationen und Vermutungen, wie er nun das eine oder andere gemeint haben könnte.

 

 

 

Natürlich kann diese Arbeit nur einen Einblick in de Shazers Ansatz geben.

Vielmehr möchte ich Neugierde wecken, sich mit de Shazers Gedanken zu beschäftigen. Es wird ein Gewinn sein, selbst für den, der am Ende zu dem Schluss kommt, seinen Ansatz nicht übernehmen zu wollen.


 

1.  Wurzeln

 

 

 

 

1.1.  Einflüsse auf de Shazers Ansatz

 

 

De Shazer nennt die Arbeiten von Milton H. Erickson als die Leitlinie seiner Arbeit. Von Beginn an gründet er seine Arbeit auf Ericksons Prinzipien. Dessen Arbeiten können als Ausgangspunkt für de Shazers Arbeit und die seiner Kollegen am BFTC betrachtet werden.

 

Milton Erickson entwickelte u. a. die. Hypnotherapie. „Dort geht man davon aus, dass unser jeweiliges Bewusstsein Ausdruck eines selbstinduzierten quasi-hypnotischen Prozesses ist. Es ist das Ergebnis der Art, wie wir Assoziationsmuster im Denken, Fühlen und Interagieren knüpfen, welche unsere Wahrnehmung relativ fest auf Teilbereiche unserer Möglichkeiten einengen. Wir hypnotisieren uns selbst auf diesen Ausschnitt unserer Möglichkeiten. Meist fixieren alle Beteiligten, (nicht nur die Klienten, sondern auch die Therapeuten) gerade bei langdauernden Problemen ihre Aufmerksamkeit sosehr auf diese, dass ihr Repertoire wie bei einer Tunnelvision eingeengt erscheint“, schreibt Gunther Schmidt. (de Shazer, 1997, S. 232)

 

Obwohl de Shazer in seiner Praxis jahrelang auf Hypnose und Trance basierende Methoden verwandt hatte, arbeitet er etwa seit 1982 nicht bewusst mit der Induktion von Trance.

De Shazer: „Dennoch sehe ich jetzt meine Arbeit als hypnotischer an und ich bin der Auffassung, dass ich dabei das von Erickon begonnene Werk weiter ausbaue.“ (de Shazer, 1989, S. 157)

 

Natürlich wird und wurde de Shazers Ansatz von weiteren Gedankenmodellen beeinflusst wie etwa von Batesons Modell der „polykularen Betrachtungsweise“ oder der sich Ende der siebziger Jahre zu umfassenden Konzepten entwickelten familientherapeutischen Ansätze wie etwa von Minuchin, Whiteacker, Bowen und anderen, die, wie auch de Shazer und seine Kollegen, die mit ihm das BFTC (s. u.) gründeten, aus der systemischen Richtung kamen.

 

Es zeichnet de Shazer aus, dass er mit großer Wissbegierde und Forschungseifer bemüht ist seinen Ansatz zu optimieren und das auch gern mit Hilfe von Anregungen von Kollegen.

 

 

 

 

 

 

1.2. Entwicklung und Arbeitsbedingungen am Brief Family Therapy Center (BFTC)

 

 

Das von de Shazer initiierte  Brief Family Therapy Center in Milwaukee, das sich als Forschungsprogramm versteht, wird seit seinem Beginn im Jahre 1978 im Team betrieben. Insoo Berg, Elam Nunnally, Eve Lipchik und Alex Molnar waren vom Gründungsjahr an Mitglieder am BFTC. Später kamen Marilyn Bonjean, Wallace Gingerich, John Walter und Michele Weiner-Davis hinzu. Vorübergehend gehörten dem Team auch Jim Wilk, Jim Derks und Marilyn La Court an. Jedem Mitglied des Teams kommt eine wichtige und für das Funktionieren des Ganzen notwendige Rolle zu

 Nach Steve de Shazer hat das ganze Team die Aufgabe, „allen Anhaltspunkten nachzugehen, die etwa die Möglichkeit zu fruchtbarer Forschung eröffnen oder zu neuen Formen der Problemlösung führen könnten.“ (de Shazer, 1997, S. 15)

Der Zweck des Teams besteht darin, einen Kontext bereitzustellen, in der Kreativität „sich ereignen“ kann.

Damit Forschungsprojekte durchgeführt werden können muss sich das Team als Ganzes fortwährend um Geschlossenheit, Verständlichkeit und Transparenz bezüglich seiner Konzepte wie seines praktischen Vorgehens bemühen.

Um den Zusammenhalt des Teams zu fördern setzte sich das neu entstandene Zentrum bewusst von anderen Gruppen der Familientherapeuten ab. Damit wollten sie sich den Spielraum für ein kreatives Vorgehen in ihrer therapeutischen Arbeit schaffen.

Ein weiterer Schritt bestand darin, eine gewisse Einheitlichkeit in der Interviewtechnik zu entwickeln, da jeder aus einer anderen Schule kam und damit auch schulspezifische Methoden anwandte (z.B. skulptieren, inszenieren usw.)

De Shazer setzt den Begriff „Interview“ mit „therapeutischem Gespräch“ gleich.

 

Neben dem Forschungs- –bzw. Theorie-Erarbeitungsprogramm finden auch Therapie und Ausbildung am BFTC in Milwaukee statt.

 

Lyman C. Wyne hebt eine Besonderheit der Milwaukeegruppe lobend hervor: Sie hebt sich ab von dem Trend führender Vertreter der Familientherapie, die ihre eigenen Ansichten immer und immer wieder bekräftigen und sich nach außen abschotten.

Zusammen mit der Mailänder Gruppe (Selvini Palazzoli, Cecchin, Boscolo, Prata) hat sie neue, interessante Ideen und Behandlungsmethoden entwickelt. Interessant ist, dass zwischen den in Mailand und Milwaukee entwickelten Ansätzen auffällige Ähnlichkeiten bestehen obwohl sie im wesentlichen parallel zu einander und nicht in Kenntnis der laufenden Arbeit der jeweils anderen Gruppe entstanden sind

Die auffälligen Ähnlichkeiten der in Mailand und Milwaukee entwickelten Ansätze könnten in dem besonderen für beide Gruppen zutreffenden Kontext liegen, in den ihre Arbeit eingebettet ist, resümiert L. Wyne. Beide Teams waren und sind bemüht um einen offenen Dialog im kleinen Kreis von Kollegen außerhalb wie innerhalb des Instituts. So wechseln sie sich z.B. immer wieder ab in der Therapeutenrolle und der Beobachterrolle (hinter dem Einwegspiegel), um so der Gefahr einer Fixierung auf einen bestimmten Standpunkt entgegenzuwirken.

Beiden Gruppen ist gemeinsam, sich viel Zeit für detaillierte und gezielte Beobachtung klinischer Phänomene zu nehmen und darüber ausgiebig und ungehindert zu diskutieren.

Ihre Arbeit ist weder ausschließlich theoretischer Natur noch ausschließlich methodenorientiert, sondern eher beides zugleich. L. Wyne schreibt: „Das ist eine Art der kreativen klinischen Forschung, wie sie meiner Meinung nach zunehmend und zu Unrecht vernachlässigt wird – diszipliniertes und zugleich für alle Beobachtungen offenes Erkunden, das nicht an eine festgelegte Ideologie oder an irgendwelche Forschungsvorgaben gebunden und damit »organisiert« ist.“ (de Shazer, 1997, S. 11)

 

Keines der beiden Zentren gehört einer offiziellen akademischen Institution an und beide sind unabhängig vom Wohlwollen irgendwelcher außenstehenden Geldgeber.

 

Bei der Bearbeitung von Steve de Shazers Büchern gewann ich zunehmend den Eindruck, dass die BFTCler ihre Arbeit mit großer Wissbegierde und ansteckender Begeisterung verrichten .Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass ihre besonderen Rahmenbedingungen, in denen ihre Arbeit eingebettet ist, einen erheblichen Anteil daran haben.

2.  Worin unterscheidet sich‚ de Shazer in seinen Grundgedanken von unserem europäischen theorieorientierten Ansatz?

 

 

 

 

2.1.  Von herkömmlichen theorieorientierten Ansätzen zur Lösungsorientierung

 

 

Zu Anfang des 20.Jahrhundert zeichnete sich Wissenschaft durch den Objektivismus der naturwissenschaftlichen Methode aus. Die zentrale Frage bzw. die Kernfrage, die üblicherweise gestellt wurde lautete: Was ist die Ursache des Problems? Sie setzt voraus, dass für ein bestimmtes Problem eine bestimmte Ursache für genau dieses Problem existiert. Weiter steckt in dieser Frage auch die Annahme, dass man tatsächlich die Ursache des Problems herausfinden und dadurch das Problem beheben kann.

Schließlich setzt die Frage, „Was ist die Ursache für das Problem?“, voraus, dass eine Beziehung zwischen Herausfinden der Ursache und dem Lösen des Problems besteht.

Walter und Peller bemerken: “Dieser Prozess stimmt mit der Idee der westlichen Wissenschaft - und auch mit traditionellen Beschreibungen im Rahmen der wissenschaftlichen Methode - überein, dass der Weg ein Problem zu lösen darin besteht, herauszufinden, welches die Ursache ist, so dass man dann Änderungen herbeiführen kann, indem die Ursache beseitigt wird.“..... „ Wir scheinen demnach alle Probleme mit den Gesetzen der Mechanik zu verbinden – wenn der Motormäher nicht mehr läuft, suchen wir nach der Ursache.“ (Walter u. Peller, 1994, S. 18)

 

In der psychoanalytischen Tradition wird z. B. die Ursache des Problems auf verschiedene Weise beschrieben.

 

Mögliche Varianten:

 

Ungelöste Konflikte, sexuelle Unterdrückung, unzureichende Objektbeziehung, Entwicklungshemmung usw. . Dabei werden die Probleme meist als Symptome einer bestimmten zugrundeliegenden Pathologie beschrieben oder als Abwehr im Rahmen einer Persönlichkeitsstörung.

 

In der psychiatrischen Tradition kann die Ursache auch noch als chemisches Ungleichgewicht beschrieben werden, als körperliche Prädisposition oder als Krankheit, die verschiedene Verhaltensauffälligkeiten hat.

Aus psychoanalytischer wie psychiatrischer Sichtweise verlangt jede ursächliche Erklärung eine Interventionsform. Wird als Ursache eine Entwicklungshemmung diagnostiziert, können korrigierende emotionale Erfahrungen verschrieben werden. Werden z.B. ungelöste Konflikte als Ursache, angesehen dann wird eine unterstützende Therapie empfohlen. Sollte ein chemisches Ungleichgewicht als Ursache erkannt werden, dann können spezifische Medikamente dafür verschrieben werden.

 

In der Tradition der Verhaltenstherapie kann das Problem als Folge oder als Ursache eines Lernprozesses beschrieben werden, der oft in der Familie begründet ist.

 

Antworten auf die Frage „Was ist die Ursache des Problems“ haben sich in Abhängigkeit von den Vorannahmen über das Wesen des Menschen entwickelt und hingen ab von der jeweiligen theoretisch-philosophischen Ausrichtung des Theorieentwicklers. Dies bedeutet, wenn Menschen so gesehen werden, dass sie entscheidend von ihren sexuellen Bedürfnissen getrieben werden, wird nach Erklärungen innerhalb der Sexualentwicklung gesucht. Werden Menschen aber so gesehen, dass sie Probleme haben, weil sie individuelle Wünsche und Ansprüche unterdrücken oder sublimieren müssen, aufgrund von Beschränkungen, die ihnen die Gesellschaft auferlegt, dann liegt der Erklärungsansatz entsprechenderweise innerhalb dieser sozialen und politischen Gegebenheiten.

 

Alle diese Traditionen und Denkrichtungen beinhalten die gleiche Vorannahme: Probleme sind verursacht und die Ursache kann gefunden werden. Jede Richtung suchte nach der Ursache des Problems, aber jede fand eine andere Antwort. Allen gemeinsam jedoch ist das Prinzip der Kausalität.

 

 

Mitte des letzten Jahrhunderts, im Rahmen der Entwicklung der Kybernetik tauchte eine neue Fragestellung auf: Was hält das Problem aufrecht? Diese Frage betont das Aufrechterhalten, nicht die Ursache des Problems. Diese Therapierichtung geht davon aus, dass ein Problem existiert, stellt fest, dass das Problem aufrechterhalten wird und nimmt eine Beziehung zwischen Aufrechterhalten und Problem an, die gefunden und beschrieben werden kann.

 

Ein ähnliches Modell schreibt Problemen und ihren Symptomen eine systemerhaltende Funktion, zu wobei sich die Handlungen der Familienmitglieder um das Problem organisieren (systemischer Ansatz).

 

Im Strukturellen Modell sieht man Probleme eingebettet in dysfunktionale Familienstrukturen und von diesen auch aufrechterhalten.

 

Das Mailänder Modell gibt an, dass Probleme von „der grundlegenden Regel der Familie“ gesteuert werden usw.

 

Alle diese Modelle sind schlüssig und folgerichtig im Hinblick auf ihre jeweilige Antwort auf die Frage: Was hält das Problem aufrecht? Sie beschreiben sowohl das Verhaltensmuster wie das Denken um das Problem herum und geben entsprechende Interventionsanleitungen.

 

 

In den letzten Jahren wurde zunehmend eine andere und neue Frage gestellt: Wie konstruieren wir Lösungen?

 

Auch diese Frage geht von Vorausannahmen aus:

 

  1. es gibt Lösungen
  2. es gibt mehr als eine Lösung
  3. sie sind konstruierbar
  4. Therapeut und Klient können sie konstruieren
  5. Therapeut und Klient konstruieren und/oder erfinden Lösungen, anstatt sie zu entdecken
  6. dieser Prozess bzw. diese Prozesse lassen sich ausdrücken und modellieren. (vgl. Walter u. Peller, 1994, S. 21)

 

Es hat also eine Entwicklung von der Frage „Was verursacht das Problem?“ zu den Fragen „Was hält das Problem aufrecht?“ und „Wie konstruieren wir Lösungen?“, stattgefunden, eine allmähliche Wegbewegung von Ursachen, über Problem-Aufrechterhalten zu Lösungen hin.

 Das Augenmerk richtet sich mehr auf die Gegenwart, weg von der Vergangenheit, wo oft nur nach Ursachen für die gegenwärtigen Probleme gesucht wurde.

 

Mit der letzten Frage: „Wie konstruieren wir Lösungen?“ wird die Gegenwart und die Zukunft betrachtet. „Wenn wir unsere Voraussetzungen von traditionellen, linearen Vorstellungen über Kausalität wegbewegen, bewegen wir uns auf eine relativistische und „konstruktivistische“ Sichtweise zu sowie auf eine Zukunftsorientierung.“ (Walter u. Peller, 1994, S. 23)

 

Steve de Shazer hat die Frage “Wie konstruieren wir Lösungen“ in konsequenter Weise wie kam ein anderer verfolgt. Gunther Schmid über de Shazer: „Er ist ein Pionier darin, wie man Wirklichkeiten zusammen mit dem Klienten konstruiert, die für die Lösung wirksam werden. In mancher Hinsicht ist Steve darin sogar noch konsequenter als Milton Erickson selbst, gewissermaßen nimmt er Erickson mehr beim Wort (und dies mit großem Erfolg) als dieser sich selbst.“ (de Shazer, 1997, S. 235)

 

 

 

 

 

 

2.2.  Was ist bei de Shazer anders

 

 

Im Nachwort des Buches von de Shazer „Wege der erfolgreichen Kurztherapie“ arbeitet Gunther Schmidt, der zur „Neuen Heidelberger Gruppe“ um Helm Stierlin gehört, einige zentrale Prämissen heraus, die er in der Arbeit de Shazers entdeckt hat.

Er schreibt, dass die zentralen Grundideen des im oben genannten Buch vorgestellten Modells recht einfach sind, und führt aus: „Steve und seine Gruppe gehen davon aus, dass es für Lösungen von Problemen, insbesondere von solchen, denen wir in der Psychotherapie begegnen, nicht nötig ist, ihre Entstehung und alle relevanten Bezüge des Problemzusammenhangs zu verstehen. Vielmehr sollten vom ersten Kontakt an alle Beiträge des Therapeuten darauf abzielen, den Blick der Beteiligten auf die Faktoren zu lenken, die mit der möglichen und gewünschten Lösung der Klienten einhergehen. Dies trifft auch auf Probleme zu, die üblicherweise als Ausdruck sehr schwerer Störungen (z.B. Psychosen) gelten und die eine lange Geschichte haben.“ (de Shazer, 1997, S. 231)

 

Als wichtige Implikation dieser Prämisse bezeichnet Gunther Schmidt „.... dass die Lösungsvorstellungen der Klienten selbst sehr ernstgenommen werden, dass die Autorität über die anzustrebenden Lösungen weitestgehend bei ihnen angesiedelt wird. Dies ist in der Psychotherapie keineswegs selbstverständlich, jedenfalls nicht bei pathologieorientierten Konzepten.“ (de Shazer, 1997, S. 231)

 

Eine weitere Prämisse, die Gunther Schmidt bei de Shazer entdeckt, ist die Annahme, dass die Lösungsressourcen bei den Klienten meist schon vorhanden sind

 Die Aufgabe des Therapeuten ist , laut de Shazer, die Aufmerksamkeit des Klienten darauf zu lenken „...dass er (der Klient) alle Fähigkeiten besitzt, die nötig sind, um das Problem zu lösen. Die einzige Schwierigkeit besteht darin, dass die Klienten noch nicht wissen, dass sie bereits wissen, wie ihr Problem zu lösen ist.“ (de Shazer, 1989, S. 108)

 

Arist von Schlippe und Jochen Schweitzer erwähnen zu de Shazers Modell: „Das Modell der lösungsorientierten Kurztherapie grenzt sich von der üblichen Weise systemischer Therapie und Familientherapie explizit ab (z.B. DE SHAZER 1989c). Von der ersten Frage an wird direkt auf die Lösung und nicht auf das Problem zugegangen: »Problem talk creates problems, solution talk creates solutions!« So kann z.B. die Aussage eines Patienten: »Herr Doktor, ich habe Depressionen!« mit der Frage beantwortet werden: »Woher wissen Sie das?« und: »Haben Sie diese Depression den ganzen Tag, 24 Stunden, auch wenn Sie schlafen«?“ (von Schlippe u. Schweitzer, 1997, S. 35)

 

Die beiden Autoren sehen als Kernaussage bei de Shazer: „.....die Vorstellung, es sei ein großer Irrtum der Psychotherapie, zu vermuten, dass zwischen einem Problem und einer Lösung ein Zusammenhang bestehe. Im Gegenteil, es zeige sich, »dass der Prozess der Lösung sich von Fall zu Fall stärker ähnelt als die Probleme, denen die Intervention jeweils gilt.« (DE SHAZER 1989b, S. 12).“  (von Schlippe u. Schweitzer, 1997, S. 35)

 

 

De Shazer kam nach 15 Jahren der praktischen und theoretischen Beschäftigung mit der Kurztherapie zu folgendem Schluss, der auch Grundlage seines Buches „Wege der erfolgreichen Kurztherapie“ ist:

„Um in wirklich passender Weise zu intervenieren, muss man über die Details einer Klage, die der Klient vorträgt, gar nicht so genau Bescheid wissen. Es ist nicht einmal nötig, dass man sich genau vorstellen kann, wodurch die beklagte Situation am Leben gehalten wird, um dann eine Lösung finden zu können. Vor dem Hintergrund all dessen, was ich bis dahin getan hatte, schien diese Erkenntnis zunächst jeder Erwartung zuwiderzulaufen. Und doch ist es ganz offensichtlich so, dass ein beliebiges Verhalten, wenn es nur wirklich ein anderes als das gewohnte Verhalten ist, in einer problematischen Situation ausreichen kann, um eine Lösung herbeizuführen und dem Klienten die Befriedigung zu vermitteln, die er sich von der Therapie erwartet hat. Notwendig ist nur, dass die betroffene Person in ihrer unangenehmen oder lästigen Situation etwas anderes tut, selbst wenn dieses Verhalten scheinbar irrational, ganz und gar irrelevant, eindeutig bizarr oder komisch ist.“ (de Shazer, 1997, S. 24)

 

Hierzu passt die berühmt gewordene Metapher von de Shazer über das Türschloss.

Dabei vergleicht er die Klagen, mit denen Klienten zum Therapeuten kommen, mit Türschlössern, hinter denen ein befriedigendes Leben wartet. Die Klienten haben alles versucht ....aber die Tür ist immer noch verschlossen; sie halten ihre Situation für jenseits ihrer Lösungsmöglichkeiten. Häufig hat dieser Schluss immerweitergehende Bemühungen zur Folge. Sie versuchen herauszufinden, warum das Türschloss so und nicht anders beschaffen ist oder warum es sich nicht öffnen lässt. Dabei ist eigentlich klar, dass man zu Lösungen mit Hilfe eines Schlüssels und nicht mit Hilfe eines Schlosses gelangt.... . Eine Intervention braucht nur in der Weise zu passen, dass die Lösung auftaucht. Es ist nicht nötig, dass die Lösung es an Komplexität mit dem „Schloss’“ aufnehmen kann. (vgl. von Schlippe u. Schweitzer, 1997, S. 35)

 

 

 

2.2.1.  Ziel und Zukunftsorientierung

 

Kurztherapie ist ausgehend von der Gegenwart auf die Zukunft orientiert. Soll Kurztherapie zufriedenstellend sein, so muss die Zukunft sich positiv von der Gegenwart abheben. Es braucht einen Anreiz für den Klienten seine Situation zu verändern durch die Erwartung einer positiveren Zukunft. De Shazer: „ Wenn die Zukunft, zielmäßig ausgedrückt, in genaueren Einzelheiten vom Klienten beschrieben wird, d.h. in Begriffen des Verhaltens, dann macht es Sinn, jetzt (in der Gegenwart) etwas zu tun, um diese Ziele zu erreichen. Ziele müssen als Minimalziele beschrieben werden. Sie sollen erreichbar sein, und sie sollten so konzipiert sein, dass es für den Klienten einer bestimmten Anstrengung bedarf, sie zu erreichen“. (de Shazer, 1989, S. 208)

 

De Shazer sieht in der Erwartung, dass sich etwas verbessern kann, die zentrale Voraussetzung jeder Therapie (selbsthypnotische Kräfte).

 

 

 

2.2.2.  „Kundenorientierung“

 

Sein Konzept ist „kundenorientiert“. Kundenorientierung stammt als Idee ursprünglich aus dem Wirtschaftsbereich und bedeutet, das Angebot soll genau auf die Nachfrage abgestimmt sein.

 

In diesem Begriff steckt auch das Wort „Kundiger“, einer der sich auskennt, der selbst Bescheid weiß. Es bedeutet, dass Therapeuten möglichst genau das anbieten, was ihre Klienten subjektiv haben wollen, und nicht das, was sie nach Meinung der Fachleute „brauchen“.

Professionelle Interventionen richten sich nicht nach „objektiver Indikation“ oder „Bedürftigkeit“, sondern nach dem jeweils subjektiven Bedarf des Klienten. (vgl. von Schlippe u. Schweitzer, 1997, S.125)

 

 

 

2.2.3.  Absage an den Begriff Widerstand

 

Etwa im Jahre 1979 zeichnete sich in der Arbeit am BFTC eine neue Perspektive ab: „ Schon lange hatte ich versucht“, wie de Shazer schreibt, „ mir über den Begriff des »Widerstandes« in der Therapie klarzuwerden. Jetzt, da ich Gelegenheit hatte, andere Praktiker der Kurztherapie bei ihrer Arbeit zu beobachten (Insoo Berg, Elam Nually u.a. ), festigte sich meine Überzeugung, dass die Klienten sich wirklich ändern wollen. Zweifellos waren manche von ihnen über die Art und Weise, wie sie sich ändern sollten, nicht besonders glücklich. Aber es fiel mir schwer, diese Haltung als »Widerstand« zu etikettieren; eher sah ich darin eine Botschaft, die dem Therapeuten bei seiner Aufgabe, dem Klienten zu helfen, Mut machen sollte.“ (de Shazer, 1997, S. 34)

Er machte die Erfahrung, dass Patienten, die von anderen als „unwillig“ etikettiert wurden, sehr an einer Veränderung interessiert waren und eine große Kooperationsbereitschaft zeigten. Damit grenzt er sich klar von der Psychoanalyse ab, für die „Widerstand“ ein zentraler Begriff ist.

 

De Shazer ist überzeugt davon, dass Menschen, die zur Therapie kommen, eine Veränderung ihrer Situation anstreben. Die Versuche, die sie unternahmen, um eine Veränderung herbeizuführen, haben nicht funktioniert, auch wenn sie in einer Therapie erfolgten. Vielleicht ohne es zu wollen, hat sich dadurch ihre Situation sogar verschlimmert.

 Wenn ein Therapeut diese Fehlschläge eines Klienten als Widerstand betrachtet, dann ist es gut denkbar im Sinne einer sich selbst erfüllenden negativen Voraussage („self fulfilling prophecy“), dass er damit erst Widerstand und Kooperationsunwilligkeit im Klienten weckt.

 

2.2.4. Indirektheit

 

Indirektheit ist ein wichtiger Bestandteil der Kurztherapie. Indirektheit besagt, dass die Symptome, die ein Klient aufweist, unbesehen vom Therapeuten akzeptiert werden. Er beseitig sie nicht, sondern transformiert sie zu einem Bestandteil der Lösung und nutzt sie damit (vgl. Ericksons „Utilisation“).

Ein Beispiel, von dem de Shazer berichtet:

Ein Geistlicher kam zur Therapie und klagte er habe Gott verloren. Das bereitet ihm bei seiner beruflichen Arbeit enorme Schwierigkeiten. Er hatte ein ausgeprägtes Interesse an sakraler Architektur und sprach gerne über die örtlichen Sehenswürdigkeiten u.a. auch über Kirchenbauten, die er noch nicht kannte. Er meinte einer seiner Freunde würde gerne Fotos dieser Kirchen in sein Buch aufnehmen und so suchte er – ermutigt durch den Therapeuten – viele Kirchen auf in der Absicht, sie für seinen Freund zu fotografieren.

Wie er später dem Therapeuten erzählte „fand er - bei einem seiner Fotostreifzüge durch verschiedene Kirchen Gott wieder“. (vgl. de Shazer, 1997, S. 30)

 

 

 

2.2.5.  Lösungsorientierung – die Lösung im Brennpunkt

 

Historisch hat sich Psychotherapie vor allem mit Problemen, die unterschiedlich definiert wurden und Lösungen, die selten definiert wurden, befasst.

Dagegen setzt de Shazer bei der Lösung an und entwickelte ein „Lösungskonzept“. Seiner Meinung nach muss zuerst ein Lösungskonzept entwickelt werden, bevor es überhaupt ein „Problemkonzept“ geben kann. Bestimmte Ereignisse, Symptome u.a. könnten auch ganz anders etikettiert und verstanden werden als durch den Begriff „Problem“. (vgl. de Shazer, 1989, S. 25)

 

Die Mitarbeiter des BFTC haben den Prozess weitergeführt, indem sie ausschließlich die Lösungsseite betrachten. Für sie sind Probleme Probleme und sie sind am besten zu verstehen in Bezug auf ihre Lösungen. Entwickelt sich z.B. aus der strukturellen Sicht des Problems eine Lösung, dann wird sie als nützlich begrüßt. Dies beweist aber nicht die strukturelle Sicht und widerlegt sie auch nicht; es demonstriert nur in diesem besonderen Fall ihre Nützlichkeit.

 

De Shazer glaubt, dass Probleme Probleme sind, weil sie aufrechterhalten werden: „Sie werden einfach dadurch zusammengehalten, dass man sie als „Probleme“ beschreibt.“ (de Shazer, 1989, S. 27)

Für ihn befasst sich ein Therapeut „ausschließlich mit seiner Konstruktion dessen, wie sein Klient seine persönliche Realität konstruiert; aus diesen beiden Deutungen konstruieren Klient und Therapeut gemeinsam eine therapeutische Realität. Die zugrundeliegende Prämisse, die als „radikaler Konstruktivismus“ (von Glasersfeld, 1975) bzw. „verbaler Realismus“ (Wilder-Mott, 1981) bezeichnet werden kann, besagt mehr oder weniger, dass soziale Realität durch Kommunikation konstruiert wird.“ (de Shazer, 1989, S. 81)

Dazu zitiert de Shazer den Kommunikationstheoretiker Barnlund: Dieser legt nahe, „dass alle Bedeutungen distinktiv sind, da sie die Schöpfung einzigartiger Personen unter einzigartigen Umständen sind. Ferner geht es bei der menschlichen Interaktion um eine transformierte und imaginierte Welt, da unser Wissen über die Welt unweigerlich subjektiv ist. Es ist nicht die „reale“ Welt, über die wir streiten, lachen oder weinen, sondern es sind diese Transformationen. Unsere Bedeutungsgebungen sind Fiktionen, wertvoll und nützlich zwar, aber dennoch Fiktionen (1981, S. 95).“ (de Shazer, 1989, S. 81f)

 

Kommunikation ist ein interpersonaler Prozess und beinhaltet, dass die Bedeutungen verhandlungsfähig sind. Wichtig ist auch der Kontext, indem sich eine bestimmte Situation ereignet. Das gleiche Verhalten in einem anderen Kontext kann völlig daneben und störend wirken. Z.B. wenn man weiß, es handelt sich um einen Kindergeburtstag und nicht um einen Empfang bei einer höhergestellten Persönlichkeit, hilft dies ein angemessenes Verhalten an den Tag zu legen.

Miller geht davon aus, dass Probleme, Lösungen und Veränderungen alle als „Menschenwerk“ und deshalb als Artefakte therapeutischer Praxis zu betrachten sind. (vgl. De Shazer, 1989, S. 88)

Die Probleme des Klienten sind am besten als Konstruktionen aufzufassen, die Aspekte ihres sozialen Lebens betreffen und die von ihnen in konkreten sozialen Beziehungen und Situationen verursacht werden. Aus dieser Perspektive ist alles, was in der Therapiesituation abläuft etwas, das die Beteiligten konstruieren.

 

In dem ganzen steckt auch der Gedanke, dass der Beobachter das Beobachtete beeinflusst, geht aber noch darüber hinaus. Für die Therapiesituation bedeutet das, dass der Therapeut nicht nur das beobachtet, was der Klient sagt und tut und ihn dadurch beeinflusst, er hilft dem Klienten auch durch Fragen und Kommentare, sein Anliegen, sein Verhalten erst einmal Gestalt annehmen zu lassen.

Therapeuten und Klienten kooperieren miteinander bei der Erzeugung der therapeutischen Realität, in der sie dann zusammenarbeiten. De Shazer dazu: „ Dies heißt nichts anderes, als dass Therapeut und Klient gemeinsam eine Neukonstruktion dieser Aspekte in der Weise vornehmen, dass die Klienten sie nicht länger als problematisch empfinden.“ (de Shazer, 1989, S. 88)

 

Es geht um Lösungskonzepte, nicht darum, eine problematische Situation eines Klienten zu durchdringen, dem äußeren Anschein auf den Grund zu gehen, zu suchen was dahintersteckt, sondern bereits vorhandene Möglichkeiten, Fähigkeiten in den Blickpunkt des Klienten zu rücken, die er bisher - warum auch immer - beiseite gelassen hatte.

Im Bild gesprochen: Wenn ein Klient bisher drei Räume seines Hauses gut kannte und blind den Weg dahin fand, dann führt ihn der Therapeut in weitere Räume des großen Hauses, die dem Klienten bis zu diesem Zeitpunkt nicht zugänglich waren.

 Ein anderes Bild, das de Shazer benutzt: Dem Klienten geht es wie einem unzufriedenen Schriftsteller, dem der Schluss seines Kapitels, an dem er gerade arbeitet, nicht gefällt. Er fragt seinen Lektor um Rat, der gibt ihm unterschiedliche Schlüsse zur Wahl. Der Autor kann entscheiden, ob und welchen der Vorschläge er für brauchbar hält. Häufig reicht es, dass der Autor verschiedene Variationen zur Auswahl bekommt, um mit seiner Arbeit weiterzukommen. Der Lektor ist nun zum Mitautor geworden, weil er zur Realität des Autors alternative Anschauungen beigesteuert hat. (vgl. de Shazer, 1989, S. 94)

 Auf die Therapiesituation bezogen bedeutet es: Die Aufgabe des Therapeuten ist es seinen Klienten zu helfen, so mit dem Leben zurechtzukommen, dass sie damit zufrieden sind.

Es gibt verschiedene mögliche Lösungen. Entscheidend ist, dass sie für die Klienten passen und zufriedenstellend sind.

 

Ziel und Zweck ist es, eine Änderung im Sinne der Klienten herbeizuführen.Deshalb nennt de Shazer seine Gespräche mit den Klienten auch gerne „Änderungsgespräche“.

Dazu gehört u.a., mit den Klienten über ihre Ziele zu sprechen oder auch darüber, was sich bereits außerhalb des Therapierahmens geändert hat.

Es geht vom ersten Kontakt an um Veränderung, um eine Lösung im Sinne der Klienten für ihre dargestellten Probleme.

3.  Grundannahmen von de Shazer

 

 

 

 

De Shazer schreibt: „Um seine Arbeit tun zu können, muss der Therapeut sich gewisse Annahmen darüber zurechtlegen, wie es zu dem beklagten Sachverhalt gekommen ist und welcher Art die Lösung sein könnte.“ (de Shazer, 1997, S. 42)

Als beklagten Sachverhalt bezeichnet de Shazer - allgemein gesagt - die Probleme, mit denen ein Klient zur Therapie kommt.

Die Grundannahmen eines Therapeuten sind entscheidend dafür, welche Vorgehensweise er in der Therapie mit seinem Klienten wählen wird.

De Shazer dazu: „Angenommen, der Therapeut geht davon aus, dass Symptome eine systemische Funktion besitzen, zum Beispiel die Familie zusammenhalten sollen. In diesem Fall wird er versuchen, einen Lageplan anzulegen, aus dem hervorgeht, wie diese Funktion in diesem System auch ohne das Symptom erfüllt werden kann.“ (de Shazer, 1997, S. 43)

Wenn der Therapeut dagegen mit einem anderen Annahmebündel arbeitet, entsteht eine andere Art von Lageplan. „Zum Beispiel könnte der Therapeut annehmen, das Symptom sei nichts als »Pech« und diene keiner Funktion; er wird dann einen anderen Lageplan anlegen, der ihm anrät, das Symptom zu eliminieren und an seine Stelle das zu setzen, was vermutlich geschehen wäre, wenn der betreffende Mensch »nicht Pech, sondern Glück gehabt« hätte.“ (de Shazer, 1997, S. 43)

Mit Lageplan, oder auch Landkarte genannt, bezeichnet de Shazer ein kartographisches Schema (entwickelt am BFTC) das beschreibt, was lösungsorientierte Therapeuten während eines Interviews mit den Klienten tun.

 

Die im folgenden beschriebenen Grundannahmen von de Shazer sind denjenigen von Watzlawick und Haley sehr ähnlich. De Shazer räumt ein, dass es vermutlich noch andere Annahmen gibt, „die auf einer »tieferen« Ebene für die Praxis der Kurztherapie mit Familien gültig sind“ (de Shazer, 1997, S. 43), führt dies aber nicht aus.

 

De Shazer hat die sechs Grundannahmen sehr unterschiedlich stark ausgearbeitet. Er bringt z. B .zur Annahme Eins nur zweieinhalbe Seiten Stoff, dagegen zur Annahme zwei zehn Seiten.

 

 

Die sechs Grundannahmen sind textgetreu von de Shazer übernommen.

 

 

 

 

 

Annahme Eins:

 

 

„Der beklagte Sachverhalt steht im Zusammenhang mit einem Verhalten, das durch das Weltbild des Klienten zustande gekommen ist.“ (de Shazer, 1997, S. 44)

 

 

„Der erste Schritt auf dem Weg zu dem, was später den beklagten Sachverhalt ergibt, scheint relativ klein, die Konsequenzen aber können »unverhältnismäßiger« Art sein. Es ist als sagte man: »Entweder verhalte ich mich in der Weise ›A‹, oder ich glaube an die Weise ›Nicht-A‹. Aus welchem Grund (welchen Gründen) auch immer scheint ›A‹ die richtige (die logische, die beste, die einzige ) Möglichkeit zu sein.« Die Folge ist, dass alles andere (alles »Nicht-A«) in Bausch und Bogen abgetan wird. Das heißt also, das »Entweder«-Verhalten(»A«) erscheint als eine Klasse für sich, und die Formen des »Oder«-Verhaltens (»Nicht-A«) scheinen alle übrigen Klassen (alle Klassen minus Klasse »A« ) von Verhalten zu sein, das hätte gewählt werden können. Eine hypothetische »Klage« läst sich aus so gut wie allem und jedem, sogar »aus nichts« konstruieren (Watzlawick, 1983), etwa so, wie dies im folgenden (zweifellos allzu sehr vereinfacht) beschrieben wird.

Bettnässen ist ein verhältnismäßig weitverbreitetes und ziemlich übliches Verhalten von Kindern, das je nach den Gegebenheiten leicht zum Gegenstand einer Klage werden kann. Wenn ein Kind ins Bett macht, trifft die Mutter eine Entscheidung(1) darüber, wie sie dieses Verhalten betrachten will: (a) als normales oder (b) als problematisches Verhalten. Wenn das Ergebnis lautet, dass dieses Verhalten normal ist, dann geht alles so weiter wie bisher (»verdammt noch mal, schon wieder!«). Wenn die Entscheidung aber zugunsten von (1b) getroffen wird, entwickelt sich der folgende »Baum«: Ergebnis (1b) erfordert Entscheidung (2): das Bettnässen ist (a) ein physisches Problem oder (b) ein psychisches Problem. Wird zugunsten des Physischen Problems entschieden (2a), dann liegt der nächste Schritt mehr oder weniger auf der Hand, wobei die physische Intervention möglicherweise keine Abhilfe schafft. Wenn im Sinne von (2b) entschieden wird, dann stellt sich die Frage, ob man das Kind mit diesem psychischen Problem als (3) entweder (a) böse oder (b) verrückt ansehen will.

 

 

 

 

 

Abb. 2.1: Der »Baum« zum beklagten Sachverhalt

 

 

Ist die Mutter der Meinung, dass das Problem des Kindes psychischer Art ist (2b), dann ist der nächste Schritt nicht so eindeutig. Wenn das Kind als »böse« (3a) betrachtet wird, dann werden alle möglichen Formen der Bestrafung angewandt, um dem schlechten oder bösen Verhalten ein Ende zu machen. Betrachtet die Mutter das Kind als »verrückt« (3b), dann versucht sie es vielleicht mit irgendeiner Form der – professionellen oder nichtprofessionellen – Behandlung.“ (de Shazer, 1997, S. 44-46)

Natürlich ist die Situation häufig noch komplizierter, z.B. können Eltern die Situation des Kindes unterschiedlich einschätzen.

 

Wenn in dem Beispiel des Bettnässens von einer Entscheidung, die die Mutter trifft, wie sie das Verhalten ihres Kindes betrachtet, gesprochen wird, ist nicht die Rede von einer bewussten willentlichen Entscheidung, sondern einer Entscheidung, die sich aus ihrem „Weltbild“ ergibt. Das Weltbild eines Menschen wird durch verschiedene Faktoren geprägt z.B. durch Beobachtungen, Erlebnissen, Erfahrungen, Bewertungen usw. Daraus resultiert ein Weltbild, ein Denkrahmen oder auch nur Rahmen genannt, nach dessen Gesetzmäßigkeiten und Regeln ein Mensch in den verschiedensten Situationen seines Lebens handelt.

De Shazer zitiert Goffman. Für Goffman sind „Rahmen Definitionen einer Situation, die wir gemäß gewissen Organisationsprinzipien für Ereignisse – zumindest für soziale – und für unsere persönliche Anteilnahme an ihnen...aufstellen“ (S. 19).“ (de Shazer, 1989, S. 117)

De Shazer beschreibt Rahmen als „„Regeln“ nach denen wir unsere Realität konstruieren, und folglich könnten auf andere Situationen auch andere Regeln zutreffen.“ (de Shazer, 1989, S. 117)

 

Die Aufgabe des Therapeuten ist es, dem Klienten zu helfen, seine Regeln, mit denen er eine bestimmte für ihn problematische Situation mit entsprechender Bedeutung belegt, zu ändern. Das kann durch Umdeuten der Situation geschehen. Dazu muss der gewohnte Denkrahmen des Klienten erschüttert bzw. ein leiser Zweifel an ihm verursacht werden.

 

 

Es gibt Klienten, deren Rahmen recht „global“ ist, d.h. sie geben ihren Schwierigkeiten und Problemen eine solch große Bedeutung, dass diese zu „Fakten des Lebens“ werden; z.B. wenn jemand alle seine Schwierigkeiten darauf schieben würde, dass die Sonne im Osten aufginge. Obwohl es jedem Beobachter absurd vorkäme, könnte es den Besitzer eines solchen Bezugsrahmens zu einem ungewöhnlichen und seltsamen Verhalten verleiten. Sobald es aber gelänge, dass er seine Denkweise anzweifeln würde, bestünde eine Hoffnung auf Veränderung.

Solch globale Denkrahmen, Bezugsrahmen, können durch „Dekonstruktion des Rahmens“ erschüttert werden. Dekonstruktion bedeutet den Rahmen des Klienten in Einzelteile zu zerlegen. Dies geschieht im Gespräch mit dem Klienten, indem der Therapeut nach Ausnahmen sucht und den Klient sich eine beschwerdefreie Zukunft vorzustellen und ausmalen lässt, was nach de Shazer eine stark motivierende Auswirkung hat.

 

Um auf das Anfangsbeispiel zurückzukommen, bedeutet dies: Alles Nicht-A, das ausgeklammert, abgetan wurde, kommt über die Ausnahmen wieder in den Blickpunkt des Klienten und kann eine andere neue Sichtweise seines beklagten Sachverhalts mit dem Therapeuten „konstruieren“ (Probleme sind Konstrukte).

 

 

De Shazer beschreibt noch eine zweite Methode den globalen Denkrahmen eines Klienten zu erschüttern: Die Konfusionstechnik. Dabei sucht der Therapeut nach irgendeinem Punkt im logischen System des Klienten der unlogisch ist; ein Punkt der die ganze problematische Konstruktion zusammenfallen lässt. Für den Klienten ist dieser Prozess meist verwirrend, da seine übliche Logik nicht greift.

Dieser Effekt ist das gewünschte Ergebnis der Konfusionstechnik. In dieser Verwirrung oder Konfusion kann eine neue Offenheit für eine alternative Sichtweise seines beklagten Sachverhalts entstehen. (vgl. de Shazer, 1989, S. 119) Der Klient verlässt den bisherigen Deutungs- und Erklärungsrahmen seines Problems.

 

Annahme Zwei:

 

 

„Der beklagte Sachverhalt wird durch die Überzeugung des Klienten am Leben gehalten, dass das, was er bezüglich der anfänglichen Schwierigkeit zu tun beschlossen hat, das einzig Richtige und Logische gewesen sei. Deshalb kann er jetzt gar nicht mehr anders als mehr desselben Verhaltens zu zeigen (Watzlawick u.a., 1974) weil die zweite Hälfte der Entweder/Oder-Prämisse ja abgelehnt bzw. vergessen wurde.“ (de Shazer, 1997, S. 47)

 

 

De Shazer führt aus:

„Beim Autofahren müssen wir uns immer wieder entscheiden: »Soll ich jetzt nach rechts oder nach links abbiegen?« Wenn wir nach rechts abbiegen, bleibt alles, was uns auf der linken Spur erwartet hätte, unberücksichtigt und un-erfahren. In einem interaktiven System wie der Familie kann eine im Grunde ähnliche Entscheidung immer wieder gefordert sein (»Das Bett ist schon wieder nass...«). Vom Augenblick der »richtigen« Entscheidung an wird allerdings die Reaktion auf das nasse Bett den gleichen Gewohnheitscharakter tragen wie das nasse Bett selbst. Die Menschen halten nicht jedes Mal inne, um sich von neuem für die gleiche Antwort zu entscheiden, denn sie betrachten das nasse Bett nicht jedes Mal als etwas Neues, sondern eher im Sinne des »Ach, es ist mal wieder soweit«. Wir Therapeuten sagen: »Immer wieder die gleiche verdammte Geschichte«“. (de Shazer, 1997, S. 47)

 

Sobald sich die Mutter, im Beispiel des Bettnässers, auf eine Antwort festgelegt hat, die ihr als die richtige erscheint, z.B. - Bettnässen ist das Problem – wird sie versuchen dieses Problem zu lösen. Wenn sie glaubt, dass ihr Kind das Bett willentlich nass macht, also „böse“ ist, dann wird sie es bestrafen. Wenn eine leichte Bestrafung nicht hilft wird sie ihre gewählte Form der Strafe intensivieren. Auch eine scheinbar andere Strafe ist im Grunde dasselbe, weil sie der gleichen Kategorie, nämlich –Strafe- angehört. Auf die Bestrafung folgen immer wieder nasse Betten, so wie auf nasse Betten immer wieder Bestrafung folgt, ein nicht endender Kreislauf von Ärger und Frustration.

 In dem Glauben, die einzig „richtige“ Entscheidung getroffen zu haben (das Verhalten des Kindes ist „böse“), ist der Gedanke, „Es muss eine wirksamere Strafe her“, ganz folgerichtig. Man muss nur lange genug danach suchen, dann wird schon irgendwann eine Abhilfe gefunden werden.

Inzwischen hält der Zyklus Bestrafung/nasses Bett an und eskaliert mit jeder neuen Runde. Leider wird der Entschluss, dass das Verhalten des Kindes ein Verhalten ist, das bestraft werden muss, meist nicht in Frage gestellt.

Es bedarf einer Umetikettierung des Kindes (siehe Abb. 2.1.) das als verrückt oder normal eingestuft wurde, um die vielen anderen Schritte, die die getroffene Entscheidung ausgeschlossen hat, für die Eltern möglich zu machen und die sich von der Bestrafung unterscheiden. De Shazer: „Ist diese »Entweder/Oder«-Konstruktion durchschaut, dann folgt, dass jedes denkbare »Nicht-A-«Verhalten schon anders genug sein könnte (weil es die Menschen nämlich aus ihrer Unbeweglichkeit herausholt), um eine Lösung herbeizuführen.“ (de Shazer, 1997, S. 49)

Es geht also um ein Verhalten das „anders genug“ unterschiedlich ist vom gewohnten Verhalten, um den Klienten aus seiner „Sackgasse“ herauszuführen. Mögliche Anhaltspunkte, Ansatzpunkte für ein anderes Verhalten, eine Veränderung, sind zu entdecken in de Shazers Aufschlüsselung des beklagten Sachverhalts in zwölf Elemente, aus denen dieser nach seiner Erfahrung besteht. Für den Klienten haben diese Elemente eine unterschiedliche Gewichtung. Folgende Elemente sind in der Regel an einem beklagten Sachverhalt beteiligt:

 

 

Elemente des beklagten Sachverhalts

 

  1. eine einzelne Verhaltensweise oder eine Verhaltenssequenz;
  2. die Bedeutungen, die der Situation zugeschrieben werden;
  3. die Häufigkeit des beklagten Geschehens;
  4. der Schauplatz des beklagten Geschehens;
  5. das Maß der Unfreiwilligkeit des beklagten Geschehens;
  6. wichtige Bezugspersonen, die direkt oder indirekt mit dem beklagten Geschehen zu tun haben
  7. die Frage, wer oder was dafür verantwortlich zu machen ist;
  8. der äußere Kontext (Berufstätigkeit, ökonomischer Status, Lebenskreis etc.);
  9. die zugehörige physiologische Befindlichkeit;
  10. die Vergangenheit;
  11. ein düsteres Zukunftsbild;
  12. utopische Erwartungen. (vgl. de Shazer, 1997, S. 49f)

 

 

 

„Abb.2.3: Die Bausteine des beklagten Sachverhalts“ (de Shazer, 1997, S. 52)

 

Jedes dieser Elemente ist mit den Übrigen so verbunden, dass sie einander wechselseitig definieren. Eine Veränderung in einem dieser Elemente kann zu Veränderungen in den übrigen Elementen führen.

 

Aus den zwölf Elementen konstruiert der Klient seine beklagte Realität, und der Therapeut konstruiert die therapeutische Realität (beklagter Sachverhalt plus mögliche Lösungen) aus dem selben Material, aber der Schwerpunkt liegt auf der Lösung. „Wegen dieser anderen Gewichtung,“ so de Shazer, „mit der die Therapeuten ihre Konstruktionen versehen, sieht das therapeutische Problem »anders« aus als die Konstruktionen, die der Klient in Form des beklagten Sachverhalts liefert. Es ist dieser Unterschied in der Konstruktion, der zur Lösung führt.“. (de Shazer, 1997, S. 55)

 

Wichtige Ansatzmöglichkeiten für einen Unterschied, der zu einer Lösung führen kann, lassen sich an den Punkten, die der Klient hervorhebt, erkennen. Wenn z.B. der beklagte Sachverhalt an einen speziellen Schauplatz, nach den Worten des Klienten gebunden ist, dann muss man die Aufgaben – insbesondere alles, was direkt mit dem beklagten Verhalten als solchem zu tun hat – so wählen, dass sie an einem anderen Ort zu realisieren sind, mit dem Ziel einen kleinen Unterschied zu schaffen, der einen Unterschied macht.

Wenn z.B. die Küche für ein Paar der Ort ist an dem ihre Auseinandersetzungen immer stattfinden, dann kann der Therapeut dem Paar die Aufgabe stellen, ihre nächste Auseinandersetzung im Schlafzimmer zu führen.

De Shazers Erfahrungen zeigen, dass gute Aussichten bestehen, „dass die andere »Bühne« auch ein anderes Verhalten auf den Plan rufen wird. Vielleicht führt eine befriedigende sexuelle Erfahrung sie wieder zusammen.“ (de Shazer, 1997, S. 52)

Entscheidend ist die Erfahrung des Klienten, dass er aus seiner Unbeweglichkeit, aus seinem „Schach-matt“ herauskommt durch eine andere Verhaltensmöglichkeit als der Gewohnten. Eine solche Erfahrung wird den Klienten ermutigen und motivieren weitere Veränderungen, wenn nötig, zu suchen.

 

Auf der Basis einer oder mehrerer positiven Veränderungserfahrungen ist eine kooperative Haltung dem Therapeuten und der Therapie gegenüber sehr wahrscheinlich.

Aus diesem Grunde setzt ein lösungsorientierter Kurztherapeut immer an den Elementen an (siehe Abb. 2.4.), die der Klient bevorzugt.

 

 

Eine Metapher von de Shazer dazu:

 

„Die zwölf Faktoren sind wie zwölf verschiedene Türen, die zu Lösungen führen.

Jeder Sachverhalt ist wieder anders, und die verschiedenen möglichen Lösungen sind die Türen mit den besser geölten Schlössern und Angeln.

Verschiedene Türen können zu den gleichen oder zu verschiedenen Lösungen führen, aber andererseits kann sich die gleiche Tür auch zu verschiedenen Lösungen öffnen.

Jede Tür kann in eine Sackgasse führen. Therapeut und Klient müssen gemeinsam erkunden, welche Tür sich aller Wahrscheinlichkeit nach am leichtesten öffnen lassen wird.“ (de Shazer, 1997, S. 53)

Dazu muss er sorgfältig zuhören wie ein Klient den Sachverhalt schildert. Wenn ein depressiver Klient sein vergangenes Leben als bedrückend empfindet und er sich sehr hilflos fühlt, dann sind verhaltensbezogene Aufgaben nicht geeignet um eine Lösung zu finden. Wenn der Klient sich eher als „Opfer“ früherer Ereignisse erlebt, dann könnten sich zwei Arten von Interventionen empfehlen.

Die eine besteht in einer „Symptomverschreibung“; dabei rät der Therapeut dem Klienten sich zu noch größerer Depressivität zu zwingen (die unfreiwillige Tür) um schließlich weniger depressiv zu sein.

Die andere ist die Änderung des Denk- und Bezugsrahmens. Dabei wird der Depression eine andere Bedeutung gegeben, so dass es dem Klienten allmählich sinnvoller erscheint nicht mehr depressiv zu sein (die Tür der zugeschriebenen Bedeutung).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

„Abb. 2.4: Umwandlung des beklagten Sachverhalts in die Lösung.“ (de Shazer, 1997,S. 54)

 

 

 

Annahme Drei:

 

 

„Schon eine sehr kleine Veränderung kann die Lösung auf den Weg bringen. Sobald die Veränderung in Gang gekommen ist (Aufgabe des Therapeuten), wird der Klient weitere Veränderungen selbst bewirken (»Welleneffekt« [Spiegel und Linn,1969]).“ (de Shazer, 1997, S. 57)

 

 

De Shazer: „Veränderungen nehmen eine ähnliche Entwicklung wie der kleine Irrtum, der weitreichende Folgen hat. Wenn ein Pilot in NewYork beim Start zum Flug nach San Francisco um einen Grad von der Richtung abweicht, wird er zu dem Zeitpunkt, zu dem er in San Franzisko sein sollte, ganz erheblich von seiner Route abgekommen sein.“ (de Shazer, 1997, S. 57)

 

Natürlich sind die Auswirkungen von Veränderungen im therapeutischen Prozess kein Irrtum, sondern sie sind gewünscht und werden herbeigeführt und der „Welleneffekt“ ist willkommen.

 

Veränderung lässt sich nach de Shazer im klinischen Kontext wie folgt definieren: „Ein therapeutischer Prozess, bei dem beobachtete neue und andere Verhaltensweisen und/oder Wahrnehmungen (»Rahmungen«) im Kontext des vorgestellten Problems (und der zugehörigen Strukturen) und/oder die Lösung dieses Problems in Gang gesetzt (und vorangetrieben) werden (de Shazer und Molnar, 1984a) (wobei immer bedacht werden muss, dass die das Problem »umgebenden« Strukturen und das Problem selbst nicht etwa zwei separate »Dinge«, sondern in rekursiver Beziehung zueinander stehende Aspekte des gleichen »Dinges« sind).“ (de Shazer, 1997, S. 97)

Es bedeutet, dass beide, Klient und Therapeut, teilhaben an dem interaktionellen Prozess der Veränderung. Der Klient setzt den Prozess der Veränderung in Gang, indem er zum Therapeuten geht und seine Probleme erzählt. Damit gibt der Klient das Problem aus der Hand und es kann neu definiert werden.

Die neue Definition muss anders beschaffen sein, da die alte nicht zu einer Lösung führte. Die neue oder andere Definition braucht eine neue oder andere Sichtweise, damit sie zu einer befriedigenden Lösung führen kann.

 

Für Milton Erickson verhält es sich so, „......dass Patienten, die uns aufsuchen, uns deshalb aufsuchen, weil sie nicht genau wissen, WARUM sie eigentlich kommen. Sie haben Probleme, und wenn diese Probleme ihnen wirklich bekannt WÄREN, dann wären sie nicht erst gekommen. Da sie nicht wissen, was es mit ihren Problemen WIRKLICH auf sich hat, können sie uns das auch nicht sagen. Sie können uns nur eine ziemlich wirre Schilderung dessen geben, was sie denken. Und wir hören sie mit UNSEREN Hintergrund an und wissen nicht, was sie uns sagen, aber wir wissen immerhin besser, dass wir nicht wissen. Und dann müssen wir ETWAS tun, das eine Veränderung im Patienten in Gang bringt ... irgendeine kleine Veränderung, denn dieser Patient wünscht eine Veränderung, und sei sie noch so klein, und er wird das ALS Veränderung akzeptieren. Er wird nicht aufhören, sich mit dem AUSMASS dieser Veränderung zu beschäftigen. Er wird das als eine Veränderung akzeptieren, wird sich an diese Veränderung halten, und die Veränderung wird sich im Einklang mit seinen Bedürfnissen weiterentwickeln ....Das Ganze erinnert sehr stark an einen Schneeball, den man einen Bergabhang hinunterrollen lässt. Am Anfang ist es ein kleiner Ball, aber im Hinunterrollen wird er immer größer ... und schließlich wird er zu einer Lawine, die der Form des Abhangs entspricht (in Gordon und Meyers-Anderson, 1981, S. 16-17).“ (de Shazer, 1997, S. 99)

 

Es ist die Aufgabe des Therapeuten, etwas zu tun, das irgendeine kleine Veränderung im Klienten in Gang bringt.

 

In unserem Beispiel des Bettnässers müssen die Eltern eine Anleitung vom Therapeuten bekommen, wie sie den sich wiederholenden Zyklus des nassen Bettes und der folgenden Strafe durchbrechen.

Wie schon beschrieben, haben die Eltern alle Möglichkeiten mit Ausnahme der Bestrafung ausgeschlossen. Gerade diese ausgeschlossenen, unmöglich gemachten Reaktionen können die Lösung des Problems beinhalten und damit den bisherigen  Misserfolgen Abhilfe schaffen.

Mögliche andere Verhaltensweisen wären nach de Shazer: „Eine Belohnung, wenn das Bett trocken geblieben ist, das Ignorieren des nassen Bettes, die Belehrung des Kindes darüber, wie es sein Bettzeug selbst waschen kann, oder schließlich ein Schild im Kinderzimmer mit der Aufschrift »Mach heute Nacht dein Bett nass!« - all das hat schon zum Erfolg geführt. Der springende Punkt ist, dass jedes denkbare neue Verhalten möglicherweise »anders genug« ist, und alle anderen Verhaltensweisen sind ja durch die Regel »Immer die gleiche verdammte Geschichte« ausgeklammert worden, nachdem die »richtige« Entscheidung getroffen worden war.“ (de Shazer, 1997, S. 58)

De Shazer empfiehlt bei der Suche nach einer neuen Reaktion den Ausnahmen von der Regel nachzuspüren.

Das Konzept „Ausnahmen gegenüber der Regel“ entwickelte de Shazer gemeinsam mit Wallace Gingerich und Michele Weiner-Davis. Im anschließenden Teil Methodik werde ich auf dieses Konzept ausführlicher eingehen.

 

Für unser Beispiel des Bettnässers lässt sich dieses Konzept wie folgt anwenden:

Da nichts jemals ganz genau so ist wie etwas anderes (Grundlage des Konzeptes) lässt sich sicher auch ein Unterschied in den „nassen Betten“ finden. Es könnte sein, dass das Kind einmal eine Nacht ein trockeneres Bett hat oder in einer Nacht das Bett nasser ist als in einer anderen. Auch wird das Kind das Bett zu unterschiedlichen Zeiten naßmachen und auch das Bettzeug kann verschieden sein. Es sind sicher Ausnahmen von der Regel zu entdecken, doch sind die Unterschiede manchmal so minimal, dass sie leicht übersehen werden. Doch diese Abweichungen vom üblichen Muster „nasses Bett“ sind die Informationen, die der Therapeut braucht.

Wichtig für de Shazer ist dabei, „dass allen Beteiligten – dem Therapeuten, dem Kind und den Eltern – klar ist, dass das Kind auf irgend deine (vielleicht unbewusste?) Weise Kenntnis davon hat, wie man es anstellt, ein trockenes Bett zu haben! Und dass es mithin Zeiten gibt, in denen in dieser Familie das Muster »trockenes Bett« wirksam ist.“ (de Shazer, 1997, S. 59)

Der Therapeut muss in Erfahrung bringen, welches die Unterschiede zwischen dem Muster „nasses Bett“ und dem Muster „trockenes Bett“ sind. Das Muster „trockenes Bett“ wird für den Therapeuten zur Grundlage seines weiteren Vorgehens um das Problem zu lösen. Er muss dabei im Auge behalten, welche Bedeutung der Umstand „trockenes Bett“ für die anderen Familienmitglieder hat und welche Verhaltensänderungen sich von den Eltern dem Kind gegenüber ergeben könnten.

Jede Intervention, die auf das Muster „trockenes Bett“ aufbaut, also auf den Erfahrungen der Familie mit den Ausnahmen vom „nassen Bett“, hat den enormen Vorteil, dass sie „passen“, denn sie sind Bestandteil der bereits erlebten Realität der Familie.

Damit wird die Kooperation gefördert, und die Chancen für eine Problemlösung vergrößern sich.

Zum zweiten Teil der dritten Annahme:  Vom Entweder/Oder zum Sowohl/Als auch

 

 

Sobald die Veränderung in Gang gekommen ist (Aufgabe des Therapeuten), wird der Klient weitere Veränderungen selbst bewirken („Welleneffekt“, vgl. auch M. Ericksons Schneeballbeispiel).

Dazu ein Beispiel: Frau B. kam zur Therapie und klagte über die Art und Weise, in der sie mit ihren Kindern umging. Sie wollte endlich ein für alle Mal aufhören ihre Kinder anzuschreien. Es würde sowieso keine Wirkung zeigen, nur sie selbst fühlte sich danach sehr entmutigt. Frau B. sieht die Dinge so, dass sie entweder die Kinder ständig anschreien oder das Anschreien ein für alle Mal einstellen müsse. (vgl. de Shazer, 1997, S. 59)

Dazu eine einfache Regel von de Shazer: „Klienten präsentieren einen Sachverhalt häufig nach dem Schema des Entweder/Oder, und in solchen Fällen kann es nützlich sein, wenn der Therapeut das Problem nach dem Schema des Sowohl/Als auch konstruiert.“ (de Shazer, 1997, S. 57)

Frau B´s Erwartungen waren unrealistisch. Es wird immer Zeiten geben in denen sie ihre Kinder anschreien wird, und vielleicht ist das auch in diesen Momenten das Beste, das sie tun kann.

Der Therapeut fragte Frau B.: „Was meinen Sie, was geschehen wird, sobald Sie damit anfangen, „Joan, du gehst ruhiger und vernünftiger mit den Kindern um?“

Die Art der Formulierung formt das Ziel um. Sie macht daraus den Beginn von einem ruhigeren und vernünftigeren Umgang mit den Kindern. Damit wird Frau B`s unmögliches Ziel aufgegeben, das Schreien ein  für alle Male zu beenden.

Der Therapeut wies Frau B. an, sich wie zufällig z.B. durch Hochwerfen einer Münze zu entscheiden, ob sie schreien oder ruhig und gelassen mit ihren Kindern umgehen wolle und sich angesichts der Resultate darüber schlüssig zu werden, wann sie welche der beiden Möglichkeiten einsetzten würde.

Ihre Erfahrungen zeigten, dass es manchmal das Beste war zu schreien und zu anderen Gelegenheiten ein ruhigerer Umgangston wirksamer war.

Die therapeutische Anregung, wie zufällig mit einem ruhigeren und gelasseneren Ton auf die Kinder zu reagieren, formte ihr problematisches Entweder/Oder-Schema in ein Sowohl/Als-auch-Schema um. Sie kann sowohl einen ruhigen und vernünftigeren Umgangston anschlagen als auch schreien. Frau B. entscheidet immer selbständiger, anfangs noch mit der Münze, welches Verhalten sie für passend findet.

 

Durch ihr verändertes Verhalten setzte ein Welleneffekt ein. Für ihre Kinder war Frau B. weit weniger berechenbar seit sie den „Zufall“ über ihren Ton bestimmen ließ. Dadurch verringerten sich die „Anlässe“, die Frau B. zum schreien brachten. Wenn sie jetzt selten schrie, merkten ihre Kinder, dass es ernst war und reagierten positiv darauf.

 

Der Therapeut akzeptiert Frau B. ohne Einschränkung, so wie sie kommt, eben als jemand, der seine Kinder anschreit. Sie wird nicht infrage gestellt und der Therapeut verlangt von ihr auch nicht, dass sie damit aufhört ihre Kinder anzuschreien.

 

Niemand spricht Frau B. Erziehungskompetenz ab. In der Formulierung „Joan du gehst ruhiger und vernünftiger mit den Kindern um“ sind folgende Botschaften enthalten:

 

1.        die Anregung, dass Joan ruhiger und vernünftiger mit ihren Kindern umgeht

2.        die Erwartung, dass Joan diesen Umgangsstil einführen wird und

3.        die Erwartung, dass ein anderer Umgangston Auswirkungen haben wird, die Frau B. bemerken kann.

Diese Art der Satzkonstruktion entstammt den von Milton Erickson entwickelten Hypnosetechniken

 De Shazer ist der Ansicht, „dass hypnotische Techniken in der Kurztherapie unabhängig davon zur Anwendung kommen, ob eine formale Trance induziert wird oder nicht. Deshalb halten wir uns bei der Formulierung und Anwendung therapeutischer Anregungen an Ericksons Beispiel.“ (de Shazer, 1997, S. 60)

 

 

 

 

 

 

Annahme Vier:

 

 

„Überlegungen darüber, was man in einem bestimmten Fall ändern könnte, sollten ihrerseits auf der Überlegung aufbauen, wie die Realitätsauffassung des Klienten ohne den beklagten Sachverhalt aussähe.“ (de Shazer, 1997, S. 63)

 

 

Wenn Eltern eines Bettnässers in dem nassen Bett nur eines von vielen Anzeichen dafür sehen, dass sie ein „böses“ Kind haben, dann wird sich ihre Einstellung ihrem Kind gegenüber, wenn das Bett trocken bleibt, nicht wesentlich ändern

 Sie werden auch weiterhin ihr Kind für ein „böses“ Kind halten. In diesem Fall ist das trockene Bett keine wirkliche Lösung.

Der Therapeut hat die Aufgabe für gewisse Zweifel zu sorgen, was die Bedeutung des nassen Bettes angeht und/oder was den übergreifenden Gedanken vom „bösen“ Kind angeht.

Er kann Zweifel dadurch wecken, indem er den Eltern vermittelt, dass Bettnässen unter bestimmten Umständen ein sehr häufiges, weitverbreitetes Problem sei. Gerade besonders kreative und sensible Kinder können fälschlicherweise leicht in den Verdacht kommen „böse“ zu sein. Dabei wird das Bettnässen solange anhalten, bis diese Kinder davon überzeugt sind, dass sie genauso viel Aufmerksamkeit von ihren Eltern bekommen, wenn sie ihr Bett nicht nass machen. Das Bettnässen wird den Eltern als ein Ausdruck für die Kreativität und Sensibilität ihres Kindes vermittelt, es macht solange Unannehmlichkeiten, bis es an sein Ziel – die Aufmerksamkeit der Eltern – kommt

 Der Therapeut muss die Eltern darauf vorbereiten, dass das Kind solange Probleme machen wird, bis es wirklich davon überzeugt ist, dass es auch Aufmerksamkeit bekommt ohne das „Hilfsmittel“ Bettnässen. Dieser Prozess kann einige Zeit in Anspruch nehmen und erfordert viel Geduld und Durchhaltewillen von den Eltern.

 

Welche Bedeutung ein Klient einem beklagten Sachverhalt beilegt, kann der Therapeut in Erfahrung bringen, indem er den Klienten danach fragt, wie seiner Meinung nach die Dinge dann aussehen werden, wenn das Problem erst einmal gelöst ist.

Was ein nasses bzw. ein trockenes Bett bedeutet, hilft bei der Bestimmung des Denk- oder Bezugsrahmens, den der Therapeut nutzen kann, um das Problem erfolgreich zu lösen.

In dem vorliegenden Beispiel vom „bösen“ Kind reicht ein trockenes Bett allein noch nicht aus. So wie diese Eltern ihr Kind sehen, wird es vermutlich in ihren Augen etwas anderes und ebenso „böses“ tun.

Erst wenn der Therapeut diese negativen Bedeutungen (Rahmungen) kennt, kann er mit einer Umdeutung des Verhaltens des Kindes beginnen. Dies bedeutet den Denkrahmen der Eltern zu ändern und damit den gleichen Verhaltensweisen positive Bedeutungen beizulegen. (vgl. de Shazer, 1997, S. 64f)

 

 

 

 

 

 

Annahme Fünf:

 

 

„Umdeutungen brauchen nur vorgeschlagen zu werden; ein neues Verhalten auf der Grundlage (irgend)einer Umdeutung kann dann die Lösung des Problems durch den Klienten in die Wege leiten.“ (de Shazer, 1997, S. 65)

 

 

Wie in der Annahme Eins schon beschrieben, ist der Denkrahmen, die „Rahmung“, in der sich das Denken eines Klienten bewegt, entscheidend für seine Handlungen und für sein Verhalten.

 Hierzu führt de Shazer ein Experiment an, das Duncker entwickelte, das zeigt, dass und wie der Denk- und Bezugsrahmen (Definitionen und Bedeutungen) das Geschehen beeinflusst.

 

„Gruppe Eins erhielt drei Pappschachteln, eine mit Streichhölzern, eine mit kleinen Kerzen und eine mit Reißnägeln gefüllt

 Gruppe Zwei erhielt das gleiche Material, wobei sich die Streichhölzer, die Kerzen und die Reißnägel allerdings nicht in den Schachteln befanden.

Die Aufgabe bestand darin, die Kerzen in vertikaler Stellung auf eine Unterlage zu montieren, damit das Ganze als Lampe dienen konnte.

Den Probanden der Gruppe Zwei fiel die Lösung der Aufgabe sehr viel leichter.

In einer Wiederholung des Experiments kam Adamson (1952) zu dem Ergebnis, dass nur 41 Prozent der Teilnehmer aus Gruppe Eins das Problem innerhalb von 20 Minuten lösten, während 86 Prozent der Teilnehmer aus Gruppe Zwei innerhalb der zur Verfügung stehenden Zeit damit fertig wurden.

Es scheint, dass die Schachteln für die Teilnehmer von Gruppe Eins als »Behälter« »gerahmt« (oder definiert) waren, während es den Teilnehmern von Gruppe Zwei eher gelang, in den Schachteln, die ja nichts enthielten, potentielle »Plattformen« (eine Umdeutung der leeren Schachteln) zu sehen, auf denen sie die Kerzen befestigen könnten. Das heißt also, gewisse »Rahmungen« (z.B. »Behälter«) sind im Zusammenhang mit der Lösung dieses Problems weniger brauchbar als andere Rahmungen (z.B. »leere Schachtel«).Das führt uns direkt zu unserer Annahmen Eins(siehe S.44) und Fünf.

Wie aus Dunckers Experiment hervorgeht, wird uns durch die Rahmungen (die Modi der Betrachtung oder Definition von Situationen) und die in ihrem Gefolge erscheinenden Benennungen (mehr oder weniger) diktiert, was wir sehen und tun können: Unser Blickwinkel bestimmt über das, was als nächstes erfolgt. Das scheint nicht nur für die Kunst und die Wissenschaft zuzutreffen, sondern auch für unser alltägliches Leben: Rahmungen und die entsprechenden Benennungen richten unsere Erwartungen in einer bestimmten Weise aus und setzen uns in den Stand, die Welt sozusagen zu gliedern und zu »er-messen«. Jedem konkreten »Faktum« können unterschiedliche Benennungen beigegeben sein, die auf unterschiedliche Rahmungen verweisen (Watzlawick u.a., 1974).“ (de Shazer, 1997, S. 65f)

 

Auf das Beispiel des Bettnässers bezogen, wäre es ohne weiteres möglich, dass der Denkrahmen „dieses Kind weiß, wie man es anstellt, ein trockenes Bett zu haben“ ausreichend ist, um eine gewisse Veränderung des problematischen Verhaltensmusters einzuleiten.

Der Therapeut hat die Aufgabe die Familie anzuleiten, einen solchen neuen Dankrahmen zu benutzen. Er kann z.B. die Familie bitten auf das zu achten, was an den Abenden vor einer Nacht mit trockenem Bett passiert, oder was an den Morgen nach einer „trockenen Nacht“ anders ist als an Tagen, in denen das Kind das Bett nass macht. Des weiteren kann er auch darum bitten, dass jedes Familienmitglied für sich eine Vorhersage darüber macht, ob diese Nacht das Bett trocken oder nass sein wird.

Wird eine Veränderung von der Familie wahrgenommen, etwas, das die Bezeichnung „anders“ als gewohnt verdient, kann der Therapeut weitere Interventionen darauf aufbauen. Als .... „eine zwar kleine, dabei aber keineswegs leichte oder simple Aufgabe des Therapeuten zumindest in der ersten Sitzung, vielleicht aber auch in weiteren Sitzungen,“ so schreibt de Shazer, besteht darin, „dem Klienten gewisse Zweifel einzuflößen, was seinen Denkrahmen und das daraus folgende Verhalten angeht.“ (de Shazer, 1997, S. 67)

Wenn die Familie anfängt, ihre Wahrnehmung bezüglich des Kindes, das sein Bett immer nass macht, anzuzweifeln, dann werden andere Verhaltensweisen als die bisherigen zu einer realen Möglichkeit. Und andersherum, so de Shazer: „Wenn die Familienmitglieder sich anders verhalten und einen Unterschied (ein trockenes Bett ) sehen können, dann können sie auch dahin kommen, dass sie an ihrer ursprünglichen »Rahmung« der Situation zweifeln. Denkrahmen und Verhaltensweisen interagieren und definieren einander wechselseitig:

Dies ist keine Situation des »Entweder/Oder«.“ (de Shazer, 1997, S. 67)

 

 

Ein weiteres Beispiel de Shazers, an dem sich die Wirksamkeit von Benennungen oder Etikettierungen einer Situation zeigen:

 

Eine junge Frau kam zur Therapie weil sie an den Folgen einer körperlichen Behinderung leidet. Sie war in jungen Jahren an Kinderlähmung erkrankt und benutzte seither eine Gehhilfe. Zum erstenmal in ihrem Leben fühlt sie sich wegen ihrer Behinderung deprimiert. Sie hatte das Gefühl, wenn sie sich mit anderen jungen Frauen verglich, dass ihr etwas fehlte, und dass andere das wohl auch so sehen würden. Seit dieser Zeit bemüht sie sich - wenn irgend möglich - ihre Krücken so zu platzieren, dass sie nicht zu sehen sind.

Als sie, angeleitet durch den Therapeuten anfing, Krücken mit ungewöhnlicher, auffälliger Bauart, Farbe und Form zu benutzen und offen zur Schau zu stellen, wirkte dies als Zeichen einer außergewöhnlichen Stärke. Ihre Umgebung zeigte sich beeindruckt und behandelte sie anders als zuvor. Sie ließ es nicht mehr länger zu, dass sie von ihrer Behinderung zum Krüppel gemacht wurde.

De Shazer führt dazu aus: „Das Etikett »Krüppel« hatte ihren Umgang mit Menschen und Situationen geprägt, so wie das neue Etikett und der neue Denkrahmen »Stärke« das neue und andere Verhalten förderte. Da der neue Rahmen befriedigendere Reaktionen förderte und damit bei ihr die Erwartung weiterer befriedigender Reaktionen weckte, konnte sie ihn beibehalten.

An diesem Beispiel wird deutlich, was Denkrahmen und Etikettierung für die Interaktion bewirken: Die Klientin sah andere Menschen im Gedanken daran, dass diese sie als Krüppel betrachteten, übernahm dieses Etikett und verhielt sich nun auch wie ein Krüppel. Je mehr sie sich wie ein Krüppel verhielt (indem sie die Krücken nach Möglichkeit versteckte), desto eher sahen die Menschen sie als Krüppel – ein circulus vitiosus, der sich selbst am Leben erhielt. Als sie begann, etwas anderes zu tun (nämlich ihre dekorativen Gehstöcke den Blicken offen auszusetzen), nahmen die Mitmenschen sie als stark wahr. Also begann sie sich als stark anzusehen, wie ihrer Meinung nach die Mitmenschen sie jetzt sahen (was Erwartungen bezüglich weiterer Verhaltensweisen erzeugte und förderte, die von »Stärke« zeugten), und damit fing etwas an, was man als circulus virtuosus, als einen wundertätigen Mechanismus, bezeichnen könnte.“ (de Shazer, 1997, S. 68f)

 

 Ein wichtiger Aspekt in diesem Zusammenhang ist, dass ein Wandel des Denkrahmens und der Etikettierung an jedem Punkt eines Interaktionssystems einsetzen kann.

 Wenn ihre Umwelt sie als „starke“ Persönlichkeit betrachtet hätte, bevor sie selbst sich in dieser Weise wahrnahm, dann hätte diese vielleicht den Denkrahmen „Stärke“ für die Klientin ins Spiel gebracht.

Kommt ein Klient zur Therapie, dann ist es Aufgabe des Therapeuten einen neuen Denkrahmen ins Spiel zu bringen, der für den Klienten und seine Umgebung passt. Der Rahmen sollte so gewählt werden, dass das neue Verhalten des Klienten von der Umgebung positiv „verstärkt“ wird.

Gleichzeitig ist es wichtig, sehr darauf zu achten, dass das neue Verhalten daraus resultiert, dass der Klient sich anders wahrnimmt als zuvor. Eine neue, auffälligere Krücke, die von der Klientin auch versteckt worden wäre, hätte keine wirkliche Veränderung bedeutet. Erst wenn sie sich selbst als „stark“ betrachtet, selbst dann wenn sie wieder einmal ihre alten unauffälligen Krücken verwenden würde, ist eine hilfreiche Veränderung ihres Denkrahmens sichtbar.

 

Die Therapie bietet auf dem Wege der Umdeutung eine Art Spiegel, der den Menschen helfen kann, ihre Situation anders zu sehen und sich deshalb auch anders zu verhalten.